„The Lost Room” ist eine High-Concept-Mystery-Dramaserie mit übernatürlicher Komponente. Der Ermittler Joe gelangt schnell in den Besitz eines mysteriösen Schlüssels, der jede Tür öffnet und in ein Motelzimmer führt. Offenbar trachten mehrere Untergrundorganisationen nach dem mächtigen Schlüssel und weiteren Objekten mit paranormalen Fähigkeiten. Joe hingegen hat nur eines im Sinn: seine kleine Tochter wiederzufinden, die in Episode 1 im Motelzimmer verschwindet. Die Serie von 2006 wirkt heutzutage visuell komplett aus der Zeit gefallen, die hochinteressante Prämisse und das Worldbuilding haben sie aber zu einem Kultklassiker werden lassen, der heute noch absolut sehenswert ist.
Joe Miller (Peter Krause) ist ein normaler Police Detective, der eines Tages zum Tatort eines mysteriösen Doppelmords gerufen wird. Über Umwege gelangt er an einen Motelzimmer-Schlüssel. Zunächst weiß Joe damit wenig anzufangen, aber er und seine kleine Tochter Anna (Elle Fanning) experimentieren damit. Schon bald treten jedoch finstere Mächte auf den Plan, die den Schlüssel fordern und dabei vor Gewalt nicht zurückschrecken. In diesem Zuge verliert Joe seine Tochter, die im Hotelzimmer 10 „weggesperrt” wird. Weil sich das Zimmer bei jedem Öffnen zurücksetzt, ist unklar, wo und in welcher Zwischendimension Anna gefangen ist.
Joe erfährt daraufhin vom sogenannten Hauptobjekt und zahlreichen weiteren paranormalen Objekten (Kamm, Schatulle, Spielkarten, Polaroids, etc.), die er benötigt, um Anna zu retten. Gleichzeitig lernt er, dass zwei große, rivalisierende Gruppen sowie mehrere Einzelpersonen ihr Leben den Objekten verschrieben haben – aus den unterschiedlichsten Gründen: Einer will seinen an Leukämie erkrankten Sohn retten, eine Gruppe will alle Objekte aus dem Verkehr ziehen, und eine weitere glaubt, durch die Zusammenführung aller Objekte Gott zu finden. Die Serie entwickelt eine ganz eigene, faszinierende Mythologie, während für Joe die Suche nach seiner Tochter stets im Vordergrund steht und er deshalb zeitweise mit den verschiedenen Parteien kooperiert.
Die Serie hat einen klassischen „Low-Budget-B-Movie”-Vibe. Visuell wirken die Bilder düster, dreckig und billig, die Actionsequenzen sind maximal bemüht, die Effekte manchmal gerade noch okay und die Greenscreens schlicht grauenvoll. Die Kulissen und die übernatürlichen Objekte sind zwar ziemlich einfach gehalten, aber sie funktionieren immerhin im Kontext der Geschichte. Die Darsteller sind überwiegend in Ordnung: Elle Fanning als Anna ist richtig gut, Peter Krause agiert solide und der Rest erfüllt seine Aufgaben. Einige Charaktere sind allerdings komplett überdreht und überzeichnet. Die Serie war damals schon billig produziert (typisch für den Sender Syfy), sodass man ihr die Zeichen der Zeit in der altbackenen Inszenierung und den schwachen visuellen Effekten deutlich ansieht.
Doch warum liest sich das alles wie die Kritik zu einer Serie mit einer viel schlechteren Bewertung als der, die am Ende darunter steht? Ganz einfach: Die Story, die Ideen und die Welt sind kreativ, eigenständig und spannend. Sci-Fi-Geschichten brauchen nicht immer Aliens, den Weltraum oder einen religiösen Überbau. Manchmal reicht eine originelle, innovative Grundidee gepaart mit einem emotionalen Ankerpunkt (das verlorene Kind), um voll involviert zu sein. Dahingehend möchte ich die in Deutschland 6-teilige Miniserie (Folgenlänge à 45 Minuten) mit dem low-budget Hirnverdreher „Primer” vergleichen. Beiden Werken gelingt es, mit wenigen Mitteln sehr viel zu erreichen, beide ziehen die Zuschauer tief in ihren Bann und in ihre eigene Mythologie. Denn interessant und spannend ist „The Lost Room” über die gesamte Laufzeit hinweg. Das Erzähltempo ist hoch, die Einfälle mit den Objekten sind stets fantasievoll. Weil diese ganz eigene Welt so gut funktioniert, hat die Serie auch heute noch zahlreiche Fans, die sie zum Kultklassiker werden ließen und durch die wiederum zahlreiche andere Medien inspiriert wurden (wie z. B. das Videospiel Control).
„The Lost Room” kann zwar visuell, inszenatorisch und schauspielerisch nicht mit den besten Miniserien mithalten, der innovative, mitreißende Sci-Fi-Kern ist jedoch absolut gelungen. Auch wenn das Werk nicht mehr zeitgemäß wirkt, möchte ich es allen Fans von eigenwilliger, einfallsreicher Science-Fiction wärmstens empfehlen. Man muss der Serie lediglich verzeihen können, dass sie sich extrem nach dem Jahr 2006 anfühlt.



