„It’s a Sin” ist eine berührende und packende Dramaserie über vier junge, schwule Männer und ihre beste Freundin im London der Jahre 1981 bis 1991, inmitten der aufkeimenden AIDS-Epidemie. Der Miniserie gelingt der Spagat zwischen einer unterhaltsamen Dramedy, die Lebensfreude, wunderbare Freundschaften und Spaß in den Vordergrund stellt, und einem knallharten, bitteren Drama. Als großartige Milieustudie erklärt sie anschaulich und aus verschiedenen Blickwinkeln, wie es zu dieser humanitären Krise kommen konnte. Gleichzeitig ist sie eine flammende Anklage gegen Intoleranz und Homophobie.
Ritchie (Olly Alexander) bezieht mit seiner Freundesgruppe den sogenannten „Pink Palace”, der zum Szenetreff und Safe Space für Schwule und Lesben wird. Die erste Phase der Miniserie ist von großer Befreiung und purer unbekümmerter Lebensfreude geprägt. Viele stammen aus Familien, die ihre Sexualität und ihren Lebensstil ablehnen, Ritchie bringt es nicht mal übers Herz seinen Eltern die Wahrheit zu erzählen. Doch die Gruppe hält zusammen. Allerdings bleibt es nicht lange beim Idyll. Nach und nach schwappen Berichte von einer „Schwulenkrankheit” aus den USA herüber und schnell sind auch Bekannte (Neil Patrick Harris), Freunde und später auch Mitglieder der Gruppe selbst betroffen. Dieser Kontrast zwischen leichtfüßiger, naiver Jugendkultur und dem absoluten Elend der Erkrankten bildet den emotionalen Kern der Serie.
Die 5 Episoden à 45 Minuten weisen fast keine Längen auf. In der ersten noch sehr positiven Episode mit viel Exposition lernt man die Gruppe kennen, danach geht es Schlag auf Schlag und wird immer bitterer. Gleichzeitig bewahrt sich die Serie ihren Humor, eine gewisse Derbheit und einen wenig subtilen, aber ungemein passenden politischen wie gesellschaftlichen Kommentar. Denn je präsenter AIDS wird, desto unbarmherziger wurden Homosexuelle von der Thatcher-Regierung ausgegrenzt – ein Aspekt, den die Serie ruhig noch etwas hätte vertiefen können. Als sehr überzeugend und augenöffnend, empfand ich die Naivität der Charaktere. Während heute jeder weiß, was AIDS ist und wie das Virus übertragen wird, herrschte damals Unwissenheit. Stattdessen regierte die Scham, das Leugnen und das Bangen, während nach und nach mehr über die Erkrankung bekannt wurde. Diese verschiedenen Phasen der Krise werden im Verlauf der Geschichte authentisch und greifbar dargestellt. Das starke Ensemble, der wunderbar stimmige 80s-Soundtrack und die klassische Inszenierung als Melodrama verleihen der Serie eine enorme Glaubwürdigkeit und schaffen eine Nähe zu den Figuren. Wenn man etwas kritisieren möchte, wäre das für mich der ein oder andere Nebenhandlungsstrang (Roscoe und der reiche Typ) und ein leicht komischer Fokus in der letzten Episode, der allerdings ultimativ in einem stimmigen, schmerzhaften Ende mündet.
„It’s a Sin” (nach dem Pet Shop Boys Lied) ist eine kraftvolle, emotionale und lehrreiche LGBT-Dramaserie, die als stimmiges Zeitdokument funktioniert. Sie feiert die wilden 80s und die schwule Selbstermächtigung und zeigt die grauenvollen „Nebenwirkungen” ungeschönt und wirkungsvoll. Der gelungene Spagat zwischen Humor und tieftraurigen Szenen ist das Faustpfand dieser großartigen Miniserie.



