„The Corner” ist eine HBO-Drama-Miniserie über Drogenabhängige in Baltimore, die man als inoffizielles Prequel zum Serienklassiker „The Wire” bezeichnen kann. Doch während in „The Wire” der Fokus auch auf den Cops, der Politik, den Medien und den Schulen liegt, fokussiert sich „The Corner” ausschließlich auf das Elend im Drogenbezirk. Das ist intensiv und auch etwas anstrengend, aufgrund der Aussichtslosigkeit und weil sich die Miniserie auf reale Personen bezieht.
Im Zentrum der Miniserie steht eine ehemalige Familie rund um den einst erfolgreichen Gary (T.K. Carter), der nach seiner Scheidung von Fran (Khandi Alexander) den Drogen genau wie seine Ex-Frau verfallen ist. Auch ihr gemeinsamer Sohn DeAndre (Sean Nelson) spielt eine größere Rolle und wird als Straßenverkäufer der Drogen an der titelgebenden Ecke in Baltimore. Die Handlung folgt diesen und vielen weiteren Charakteren in ihrem düsteren Alltag, der von Drogensucht und fehlender Perspektive geprägt ist. Dabei versuchen einige Figuren clean zu werden, während andere immer tiefer in den Drogenstrudel hineingeraten. Durch ihren Ursprung als Sachbuch und den dokumentarischen Anstrich durch Interviews am Anfang und Ende der Folgen erhält die Geschichte eine zusätzliche Schwere. Große Höhepunkte oder Actionmomente bietet die Serie allerdings nicht, sie ist eine reine Milieustudie.
Bis heute gibt es keine deutsche Synchronisation der 6-teiligen Miniserie von 2000, so dass man sie nur im englischen Originalton genießen kann. Das stört allerdings nicht, sondern fördert die Authentizität. Viele Darsteller machen ihre Sache sehr gut, ab und an wirkt der ein oder andere Satz allerdings etwas zu gewollt bzw. geschrieben. Interessanterweise erkennt man als „The Wire”-Fan einige Schauspieler wieder, die später allerdings in anderen Rollen im Epos wieder auftauchen. Zudem sind einige Charaktere offensichtliche Vorbilder für ihre fiktionalen Nachfolger gewesen.
Ich habe mit „The Corner” ähnliche Probleme wie mit „The Wire”. Das Erzähltempo ist langsam, eine Nähe und große emotionale Bindung zu entwickeln fällt schwer. Durch den ausschließlichen Fokus auf das Elend auf der Straße fehlt zudem eine übergeordnete Handlung (außer der Familiengeschichte) und etwas Abwechslung. Dennoch ist das Gezeigte handwerklich und inhaltlich extrem überzeugend, gekonnt und authentisch gespielt. Die Miniserie erfüllt ihren selbstgesteckten Auftrag hervorragend, ist aber auch ganz schön niederschmetternd.
Zusammenfassend kann man „The Corner” allen Fans von „The Wire” bedenkenlos empfehlen. Sie ist der wenig bekannte inoffizielle Vorgänger, in dem man viel von „The Wire” wiedererkennt. Dennoch bleibt „The Wire” das umfassendere, bessere Gesamtpaket.



