Hungry – Authentische, kurze Serie über eine Jugendpsychiatrie. Review 1. Staffel

„Hungry” ist eine deutsche Coming-of-Age-Dramaserie, die Jugendliche in einer stationären Jugendpsychiatrie begleitet. Die Hauptfigur wird gegen ihren Willen wegen Magersucht eingewiesen und trifft vor Ort auf zahlreiche andere Betroffene mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Der erzählerische Fokus verlagert sich dabei schnell auf die Gruppendynamik: Auf dem Weg zur Besserung wird sich gegenseitig unterstützt oder auch sabotiert. Die etwa 90-minütige 1. Staffel folgt dabei den klassischen Strukturen des Jugenddramas.

Ronnie (Zoe Magdalena, Hauptdarstellerin und Schöpferin) wird von ihrer Mutter in die Klinik gebracht. Zu Beginn zeigt sie eine starke Abwehrhaltung, doch mit der Zeit lässt sie sich immer mehr auf ihre Therapeutin und die anderen Jugendlichen ein. Dabei erlebt sie die typische Achterbahnfahrt aus Teilerfolgen und Rückschlägen – bei sich und den anderen Mitgliedern der Gruppe.

Dass der Verlauf der Therapie sehr geradlinig den klassischen Dramastrukturen folgt, verzeiht man der Serie gern. Das liegt vor allem an der spürbaren Realitätsnähe: Zoe Magdalena und viele weitere Mitwirkende haben eigene Erfahrungen mit Essstörungen in das Projekt eingebracht, was für eine enorm hohe Authentizität sorgt. Auch die Dialoge der Jugendlichen untereinander wirken lebensnah, was der Serie eine spürbare Erdung verleiht. Zudem mochte ich den Humor und das Brechen der 4. Wand.

Einige der Nebencharaktere empfand ich als arg überzeichnet und stereotyp (Social-Media-süchtige Zimmernachbarin). Zudem wandeln sich manche Figuren etwas zu abrupt und das angedeutete Liebesdreieck hätte ich nicht zwingend gebraucht. Auch blieben mir die Krankheitsbilder stellenweise zu oberflächlich. Als Außenstehender stand ich beispielsweise vor einem großen Fragezeichen, warum eine Patientin wegen eines Rückfalls disziplinarisch entlassen werden soll. Erst nach einer kurzen Recherche wurde mir klar, dass diese harte Praxis durchaus der Realität entspricht. Da wäre ich gern etwas mehr an die Hand genommen worden.

„Hungry” legt den Fokus viel mehr auf die Chemie der Gruppe als auf die medizinischen Ursachen oder tiefen psychologischen Hintergründe der Erkrankungen. Darin ähnelt die Serie z.B. „Club der roten Bänder”. Dennoch hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht, als Außenstehender etwas tiefere Einblicke zu bekommen, um die Figuren und ihre inneren Konflikte noch besser verstehen zu können. 

„Hungry” erfindet das Rad des Coming-of-Age-Genres sicher nicht neu, überzeugt aber mit hoher Authentizität. Man spürt, dass die Serie das Herz am rechten Fleck hat und auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen möchte, ohne belehrend zu wirken. Das gelingt. Wer emotionale Jugend-Dramen im Stil von „Club der roten Bänder” mag, sollte „Hungry” eine Chance geben. Die Serie hat auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient!

72/100
Total Score
Nach oben scrollen