Sterling Point – Romanzen treffen auf Familiengeheimnisse. Review Staffel 1

„Sterling Point” ist eine Coming-of-Age-Dramaserie mit vielen Romanzen, Familiendramen und einer Spur Mystery im kanadischem Urlaubssetting. Die Konstellation rund um Adoptivkinder, verlorene Geschwister und Familiengeheimnisse gibt der Serie die nötige Spannung und eigene Identität, wenngleich vieles davon arg konstruiert wirkt. „Sterling Point” basiert zwar nicht auf einem Roman, ist aber dennoch sehr zeitgemäß und modern, so dass speziell die „Booktok”-Bubble mit der Serie ihren Spaß haben kann.

Die 17-jährige Annie (Ella Rubin) lebt in New York und erhält zu Beginn die Todesnachricht und einen Brief ihres entfremdeten Großvaters: Offenbar hat er ihr und ihrem Zwillingsbruder eine paradiesische Insel in Kanada hinterlassen. Gegen den Willen ihres Vaters entscheidet sie vor Ort mehr über ihre Adoptivmutter zu erfahren, die starb, als sie zwei Jahre alt war. Dort trifft sie nicht nur auf nette Gleichaltrige und gleich zwei Love Interests, von denen klischeetypisch einer reich sowie schnöselig und der andere hard-working, arm und grundsympathisch ist, sondern auch auf ein anderes Mädchen (Amélie Hoeferle) im Haus ihres Adoptivopas, das behauptet dort zu leben. Sie wird zur zweiten Hauptfigur, die ebenfalls arg an ihren schwierigen Familienverhältnissen zu knabbern hat und zudem versucht, die Wirrungen des Erwachsenwerdens zu manövrieren.

In den insgesamt 8 Folgen der 1. Staffel halten sich die Liebesbeziehungen und Familiengeheimnisse in etwa die Waage. Während im Lovebereich mit allzu typischen Dreiecksbeziehungen, naiven Coming-of-Age-Entscheidungen und „best friend to lovers” Geschichten vor hübscher Kulisse sehr ausgetretene Pfade beschritten werden, hielten mich die Familiengeheimnisse bei der Stange. Die Twists sind zwar teilweise nicht allzu glaubwürdig, aber dadurch wird eine gewisse Spannung hochgehalten, die die anderen Handlungsstränge nicht bieten. Ein Faustpfand von „Sterling Point” ist das gute Darstellerensemble. Viele der Charaktere sind trotz ihrer Fehler im Kern grundsympathisch, zudem besteht zwischen vielen Darstellern eine sichtbare Chemie, so dass auch typische Versatzstücke gut funktionieren und man damit emotional connecten kann. Das ist der Verdienst der Darsteller und eines Dialogbuchs, das am Puls der Zeit ist, authentische Figuren schafft und nicht steif oder kitschig wirkt. Nicht mal die Besetzung von Jeffrey Dean Morgan („The Walking Dead„) misslingt. Er ist gut.

Leider spart das Drehbuch einige Fauxpas nicht aus, speziell wenn es auf allzu ausgetretenen Pfaden wandelt. Warum die Hauptiguren alle minderjährig sein müssen, wenn man sich dennoch für (recht harmlose) „Spice”-Szenen (also Sex) entscheidet und man Darsteller besetzt, die 8-10 Jahre älter sind, weiß nur die Branche. Ich verstehe auch nicht, warum man Szenen so konzipiert, dass irgendwer sagt: “Hey, ich muss dir was Wichtiges erzählen, jetzt gleich, warte kommt gleich” und dann kommt der Zwischenruf, der die Weiterführung dieser Storyline zwei Folgen aufschiebt. Zudem ist es doch sehr langweilig, wenn sich zwei Figuren „keine Geheimnisse” versprechen, dann genau das nicht eingehalten wird (was komplett zu erwarten war) und man das in Windeseile wieder vergibt. Generell haben viele (dumme) Aktionen nur sehr kurzzeitig Konsequenzen. Positiv ist hingegen, dass die Charaktere ständig über ihre Probleme reden und sich selbst hinterfragen können, wodurch viele Konflikte im Keim erstickt werden. Einige Charakterentscheidungen sind dennoch leider nur mit „sind halt junge, unerfahrene Menschen” erklärt werden, was ich immer recht einfach finde. Auch die überschlaue 12-jährige ist ein sehr angestaubtes Stilmittel. Aber das klingt negativer als es sein soll und wird mehr zur Kritik an einem ganzen Genre und seine Tropes. „Sterling Point” bleibt nämlich durchgehend charmant, so dass viele dieser Makel nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Die Serie ist gut produziert und stimmig inszeniert. Manchmal sorgen musikalisch passend untermalte Montagen für den richtigen Vibe oder man nutzt längere Kameraeinstellungen, um den Darstellern Raum zu geben. Das kanadische Setting sieht authentisch aus und sorgt mit dem vielen Wasser für Urlaubsflair. Ein paar Comedy-Momente fügen sich passend ins Gesamtbild ein. Das Erzähltempo ist durch die steten Wendungen im Familien-, Freunde- und Beziehungsbereich ebenfalls gut. Das Ende hat mich überrascht, auch wenn eine darauf hinführende Drehbuchentscheidung fadenscheinig wirkt und es schon sehr komisch wirkt. Aber es ist natürlich ein guter Grundstein für eine 2. Staffel.

„Sterling Point” ist für Fans von Romanzen und Booktok-Stories absolut empfehlenswert. Die Familiendrama-Komponente sorgt für eine eigene Identität, aber man findet auch reichlich bekannte Versatzstücke des Genres. Mir gefiel die Serie noch etwas besser als der Young Adult Hit „Off Campus” aus diesem Jahr. Dennoch kommt sie aufgrund der angesprochenen Makel nicht an Genrekönige aus Korea oder „Normal People” heran. Im New-Adult-Bereich funktioniert die Serie aber gut.

78/100
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