Lord of the Flies – Sind das noch Kinder oder ist das Apocalypse Now? Review Miniserie

„Lord of the Flies” ist eine britische Coming-of-Age- und Survival-Thriller-Miniserie, in der um 1950 ein Flugzeug über einer einsamen Insel abstürzt. Die einzigen Überlebenden sind 6 bis 12-jährige Kinder einer Privatschule. Zunächst versuchen sie, gemeinsam an einem Strang zu ziehen: Es braucht Essen, Trinken, Hütten und die Möglichkeit, jederzeit ein Signalfeuer abzubrennen. Doch schon bald dominieren die Revierkämpfe unter den Jungen und die angebliche Präsenz einer „Bestie” sorgt dafür, dass alle dem Wahnsinn näherkommen. Kann Jack Thorne nach „Adolescence” den nächsten Hit abliefern, der erneut durch das Verhalten von Kindern schockiert?

Nicht ganz, aber die Miniserien-Adaption von William Goldings Romanklassiker „Herr der Fliegen“ überzeugt auf vielen Ebenen, auf einigen aber leider auch nicht. Doch von vorne: Zu Beginn wacht „Piggy” (David McKenna) völlig desorientiert auf einer Insel auf und trifft schnell auf Ralph (Winston Sawyers). Durch das Blasen in eine Muschel versammeln sie alle Überlebenden am Strand. Demokratisch wählen sie Ralph zum Anführer, allerdings gibt es sofort Reibungen mit Jack (Lox Pratt), der eine Gruppe von Marinekindern anführt. Doch zunächst lässt er sich damit befrieden, dass er die neu gegründete Truppe der Jäger anführen darf, die für Nahrung sorgen soll. Während Piggy und Ralph sich um den Bau von Hütten, die Beschaffung von Trinkwasser und die Betreuung der jüngeren Kinder kümmern, werden die Jäger mit dem Signalfeuer betraut. Doch bereits in der ersten Nacht nimmt das Feuer verheerende, unkontrollierbare Ausmaße an und es entstehen schnell Risse im demokratischen Überlebenskonzept. Archaische Revierkämpfe brechen aus, die Führung wird angezweifelt, und es zeigt sich rasch, dass das Fundament von Zivilisation, Moral und Ethik in dieser Extremsituation auf sehr wackeligen Beinen steht. 

Jede der nur 4 Episoden ist nach einer Hauptfigur benannt und fokussiert sich speziell auf dessen Innenleben, wodurch die Perspektive immer wieder gekonnt wechselt. Was die Miniserie perfekt einfängt, ist die unnachgiebige, brutale Inselatmosphäre. Man sieht und spürt, dass an echten Schauplätzen in Malaysia und nicht im Studio gedreht wurde, was ungemein zur Authentizität beiträgt. Das absolute Highlight ist das großartige Kinderschauspiel, das die emotionale Tiefe des moralischen Abstiegs greifbar macht.  Besonders in der zweiten Hälfte erinnert das packende Drama sogar an „Apocalypse Now”, wenn Paranoia und Wahnsinn die Oberhand gewinnen. Unterstützt wird dies von einer dynamischen Kamera, die in intensiven Close-ups ganz nah an den Gesichtern der Kinder bleibt und sich in Fluchtszenen mobil durch den Dschungel bewegt. 

Leider steht sich die Produktion visuell und musikalisch oft selbst im Weg. Der extreme Einsatz von Unschärfen (Lens-Blur) und die Fischaugen-Optik nehmen der Serie wieder etwas von ihrer Authentizität. Zudem empfinde ich diesen speziellen Look schlichtweg als hässlich. Die Szenen, die komplett in unnatürliches Rot getaucht sind, unterstreichen zwar gut den Wahnsinn, schreien aber etwas zu sehr „Arthouse-Kino”. Sie desorientieren den Zuschauer, anstatt den Fokus auf dem eigentlichen Drama der Kinder zu belassen. Auch der dröhnende, psychedelische Soundtrack und die Kinderchoräle erschlagen die eigentlich beklemmende Stille der Isolation eher, als sie zu unterstützen. Zudem leidet das Erzähltempo unter der kurzen Laufzeit von vier Episoden: Der Übergang von gesitteten Schuljungen zu jagenden Wilden, die sich überall anmalen, komplett verrohen und irgendwann keine moralischen Grenzen mehr kennen, läuft in der Mitte der Serie etwas zu sprunghaft ab. Dadurch wirkt die Eskalation im Finale leicht gehetzt. 

Trotz der anstrengenden audiovisuellen Spielereien und des stellenweise überstürzten Pacings bleibt „Lord of the Flies” eine bildgewaltige und stark gespielte Serie. Jack Thorne erweitert den klassischen Stoff um tiefere psychologische Facetten und sorgt für Momente, die emotional tief mitreißen. Wenn den Kindern – teilweise schon den Allerkleinsten – so übel mitgespielt wird, ist das schwer anzusehen. Deshalb ist die Miniserie auch nichts für schwache Nerven. Schade ist, dass der gewöhnungsbedürftige Look diese emotional Wucht etwas abschwächt. Dennoch bietet die 4-teilige Miniserie eine intensive Charakterstudie, die auch als Parabel auf die heutige fragile Demokratie funktioniert.

79/100
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