Der Kastanienmann Staffel 2 – Konsequenter, fieser nordischer Krimi. Geheimtipp! Review

Die 2. Staffel des düsteren dänischen Krimis brilliert. Es handelt sich um die Buchadaption von „Der Kuckucksjunge” und vereint das aus Staffel 1 bekannte Ermittlerduo erneut. Müssen Sie einem möglichen Serienmörder das Handwerk legen? Jedenfalls gibt es zahlreiche Personen, die gestalkt werden und dabei Kinder-Abzählreime geschickt bekommen. Nachdem sie „gefunden” wurden, tötet der Stalker seine Opfer und legt sie in ein Nest. Der Fall ist besser und weniger vorhersehbar als in Staffel 1, wodurch Staffel 2 zum Highlight im Nordic-Krimi Bereich wird.

Staffel 2 ist eine Fortsetzung des Kastanienmanns, es handelt sich um die Adaption des Nachfolgewerks des Schöpfers Søren Sveistrup, der bereits für die dänische Kultserie „Kommissarin Lund” verantwortlich war. Das Kommissar-Duo ist zwar dasselbe, doch sie ermitteln in einem komplett neuen Fall. Es ist nicht zwingend nötig die 1. Staffel gesehen zu haben, weil sie aber solide ist und man die Charaktere schon mal kennenlernt, empfehle ich es.

Einige Jahre sind seit dem letzten Fall vergangen. Die Ermittler Naia Thulin (Danica Curcic) und Marc Hess (Mikkel Boe Følsgaard) haben ihre Romanze hinter sich gelassen, weil Marc Bindungsängste hatte. Dennoch hatte er zu ihrer Tochter (Ester Birch, gut) ein engeres Verhältnis, die seine Flucht wohl besonders mitnahm. Nun kehrt der Europol-Ermittler nach Dänemark zurück, weil sein Bruder im künstlichen Koma liegt und er für ihn da sein will. Da trifft es sich gut, dass es einen aktuellen Serienmord gibt. Der Täter stalkt und bedroht seine Opfer, ehe er sie tötet und in einem Nest im Wald drapiert. Gemeinsam übernimmt das Duo die Leitung des Falls. Parallel gibt es eine Handlung rund um Marie Holst (Sofie Gråbøl, Kommissarin Lund höchstpersönlich), deren damals 19-jährige Tochter Emma ermordet wurde und sie die Polizei verklagt, weil es weiterhin keine Verhaftung gibt. Im Verlauf stellt sich heraus, dass diese Fälle miteinander verbunden sind und auch ein Mord aus dem Jahr 1992 eine Rolle spielt. Dies könnte zu einem klassischen Krimi mit Mysteryelementen führen, bei dem man beim Täter miträtseln kann und viel ermittelt wird. All das bietet Staffel 2 auch, doch durch einen Kunstgriff in Episode 3 kommt noch mehr hinzu.

„Das Versteckspiel” ist eine fiese, brutale und kompromisslose 6-teilige Staffel, die vor Konsequenzen keinesfalls zurückschreckt. Am Ende der 3. Folge erreicht die Handlung eine bittere, neue Stufe und statt etwas Leerlauf in der Mitte gibt es knallharte Szenen und emotionale Momente. Deshalb ist das Erzähltempo durchweg hoch, zudem kann man sich sicher sein, dass kaum eine Sendeminute verschwendet wird, sondern auf spätere Handlungsstränge einzahlt – die hohe Kunst des Krimis. Die Produktion ist gut, teilweise wird mit längeren Plansequenzen oder ungewöhnlichen Kameraperspektiven experimentiert, was im Nordic Noir eher unüblich ist. Die Darsteller sind gut. Speziell Sofie Gråbøl ist ein Glücksfall. Damals noch Kommissarin Lund, hier eine kämpfende Mutter.

Ein klein wenig zu mäkeln habe ich dennoch. Einige Figurenkonstellationen und Krimiformeln sind allzu klassisch. Die Eltern-Kind-Beziehungen sind stereotyp, speziell stört es mich, dass niemand die Mutter verstehen kann, die weiterhin den Mörder ihrer Tochter sucht und für ihr Recht kämpft. Warum haben die Geschwister der Getöteten daran kein Interesse und die Mutter wird so isoliert? Liebschaften zwischen den beiden Hauptermittlern brauche ich auch nicht zwingend, aber durch Naias Tochter kommt eine stimmige Komponente hinzu. Nicht alles ist zu 100% logisch, die ein oder andere Charakterentscheidung fragwürdig und den Täter hatte ich doch recht früh einmal kurz auf dem Zettel, aber das fällt kaum ins Gewicht. Die falsche Fährte in der Mitte ist eine mit den größten Konsequenzen, die ich je gesehen habe. Viele werden sich daran stören, ich sage „Chapeau” und bleibt dran!

Die 2. Staffel vom Kastanienmann profitiert von einem besseren Kriminalfall als in Staffel 1. Es wundert mich nicht, dass auch die Buchvorlage „Der Kuckucksjunge” hoch angesehen ist. Denn der Krimithriller funktioniert auf vielen Ebenen hervorragend und bietet ein zufriedenstellendes Finale. Ich würde jedem Krimifan die zweite Staffel empfehlen und bin froh, dass ich vom Genre nach längerer Durststrecke positiv überrascht und mitgerissen wurde. „Das Versteckspiel” verdient sich den Titel einer nordischen Krimi-Topserie, die viele schon in Staffel 1 gesehen hatten. Bei Staffel 2 bin auch ich bereit diese Auszeichnung zu verleihen.

82/100
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