Should I Marry A Murderer? – Die Verlobte des Täters ermittelt selbst! Review True Crime

„Should I Marry a Murderer” ist der reißerische Titel einer Netflix True Crime Serie, bei der die Verlobte eines mutmaßlichen Mörders im Zentrum steht. Die dreiteilige Miniserie, die auch eine 90-minütige Dokumentation hätte sein können, behandelt die Tötung von Tony Parsons im Jahr 2017 und lässt zahlreiche Hauptakteure des Falls zu Wort kommen – von der Verlobten mit einem Hang zu Selfievideos über ihre Eltern und Freunde bis hin zu Staatsanwaltschaft, Strafverteidigern und Beobachtern.

Ähnlich zu „Ein Freund, ein Mörder” stellt die True Crime Serie nicht das Opfer oder die Täter, sondern die Verlobte des Mörders in den Mittelpunkt. Die Pathologin Caroline Muirhead aus Glasgow verliebt sich Hals über Kopf in einen Farmer und Jäger in den schottischen Highlands. Nach nicht einmal zwei Monaten verloben sich die beiden und konsumieren einen Haufen Alkohol und Drogen. Doch in einer verhängnisvollen Nacht erzählt ihr der Verlobte, dass er mit seinem Zwillingsbruder drei Jahre zuvor einen Menschen überfuhr und sie ihn danach vergruben. Caroline meldet das der Polizei, doch das ist seltsamerweise nicht das Ende der Story. Infolgedessen liegt der Fokus darauf, wie absurd und bizarr verliebte Menschen mit schwerwiegenden psychischen Problemen und einem unendlichen Geltungsdrang handeln können. Denn Caroline ermittelt nicht nur selbst verdeckt weiter, sie umgibt sich trotz ihres Wissens weiterhin gern mit den Tätern. Auch die Polizei wird – wie leider fast üblich in True Crime Serien – als dilettantisch dargestellt.

Der Fokus auf eine Frau, die offenbar „komplett irre” (Zitat: sie selbst) handelte und sich ständig dabei filmte, wie sie weinte, sang, rauchte, Drogen nahm und wahnsinnig wurde, ist gleichermaßen die Stärke und die Schwäche der Doku. Denn das Opfer kommt viel zu kurz und das völlig verrückte Handeln der Verlobten kann man irgendwann nur noch mit einer Psychose oder Ähnlichem erklären, Hobbypsychologen werden ihre wahre Freude an ihr haben. Das ist ultimativ cringe und anstrengend. Ich mochte hingegen die verschiedenen Blickwinkel der Staatsanwaltschaft und der Experten, die deren fehlerhafte Arbeit einschätzen. 

Die Dokumentation ist solide produziert und glänzt mit zahlreichen Originalaufnahmen. Sei es in Form von Carolines peinlichen Videos, Aufnahmen aus dem Gerichtssaal oder geheim aufgezeichneten Tonaufnahmen. Leider gibt es auch zahlreiche nachgestellte Szenen zur Dramatisierung. Dazu passt auch der übertriebene Titel, da die Heiratsfrage nach der Enthüllung des Geheimnisses nie im Raum stand. Am Ende wurde ich mit einer Mischung aus Wut und Mitleid aus der Dokumentation entlassen. Coraline ist eine großartige Erzählerin, aber ihre Handlungen sind so weit draußen und so absurd, dass man für sie kaum Sympathie empfinden kann. Dennoch darf man dabei ihr offensichtliches Trauma nicht vergessen und mittlerweile scheint sie ihr Handeln zumindest vernünftig reflektiert zu haben.

„Should I Marry a Murderer” ist eine solide Netflix-Dokuserie über einen verrückten Fall, die kürzer hätte sein dürfen. Der Trend, den Täter nahestehende Personen in den Mittelpunkt einer Dokumentation zu stellen, ist interessant, aber auch befremdlich, weil ich darin vor allem eine große Geltungssucht sehe. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich diese Perspektive benötige.

70/100
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