Half Man – Eine toxische Beziehung mal anders. Review Miniserie

„Half Man” ist eine tragische, bewegende und nur schwer zu ertragende Dramaserie über die toxische und destruktive Verbindung zweier Stiefbrüder. In Schlaglichtern beleuchtet die Miniserie Schlüsselmomente im Leben der beiden Protagonisten und illustriert, wie verheerend sie füreinander und für ihr gesamtes Umfeld sind. Die Serie schreckt dabei nicht vor einer Vielzahl gewaltvoller und missbräuchlicher Szenen zurück, die intensiv geschauspielert sind. Doch spätestens in der zweiten Hälfte verliert man die emotionale Verbindung zur Hauptfigur – was erzählerisch zwar absolut logisch ist, „Half Man” letztendlich aber auch extrem frustrierend werden lässt. 

Nach „Rentierbaby” widmet sich Schöpfer, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Richard Gadd erneut den düsteren Abgründen der menschlichen Psyche. Die Geschichte beginnt mit dem 15-jährigen Niall (Mitchell Robertson), einem schwer gemobbten Außenseiter. Zu allem Überfluss wird er damit konfrontiert, dass der 17-jährige Ruben (Stuart Campbell), der Sohn der Lebensgefährte seiner Mutter, frisch aus der Jugendstrafanstalt entlassen wird und bei ihnen einzieht. Doch es kommt noch schlimmer: Sie müssen sich sogar ein Zimmer teilen. Nach anfänglicher Skepsis nähern sich die beiden zunächst etwas an. Ruben mobbt Nialls Mobber noch härter, dafür hilft ihm Niall. So bauen sie eine seltsame, aber unerschütterliche Symbiose auf. Diese ist anfangs auch davon bestimmt ist, dass Niall bemerkt, dass er schwul ist, was er seinem dominanten „Bruder” aber keinesfalls mitteilen möchte. Alles gipfelt in einer unfassbar unangenehmen Szene, die mich in ihrer Tonalität an „Unbelievable” erinnerte. In den folgenden Episoden springt die Serie zu immer neuen Stationen im Leben der beiden Männer, während die Rahmenhandlung eine Brücke in die Gegenwart schlägt: Auf Nialls Hochzeit taucht der sichtlich labile Ruben plötzlich wieder auf und führt unweigerlich eine Katastrophe herbei 

Für „Half Man” sind zahlreiche Triggerwarnungen angebracht. Die Serie seziert toxische Männlichkeit, Missbrauch, unkontrollierte Wut sowie die Frage, wie man sich von Menschen lossagt, die man liebt, obwohl man weiß, dass sie einen geradewegs in den Abgrund treiben. Die Erzählung funktioniert überwiegend über dichte Dialoge und vereinzelte, schwer verdauliche Sequenzen. Zu Beginn verspürt man tiefes Mitgefühl für den jungen Niall. Doch nachdem Jamie Bell den Charakter ab Folge 4 übernimmt, weicht diese Empathie nach und nach der Frustration. Obwohl man versteht, wie tief Nialls Traumata sitzen, schmerzt es zu sehen, wie er sich einfach nicht aus der emotionalen Geiselhaft befreien kann. Gepaart mit seiner tiefen Verdrängung der eigenen Homosexualität wird das Zuschauen hier zu einer echten Geduldsprobe. Unweigerlich stellt sich eine emotionale Distanz ein, die den Zugang zur Serie erschwert. Schauspielerisch ist das allerdings ganz großes Kino: Das gesamte Ensemble spielt überragend, und Richard Gadds radikaler Rollenwechsel vom Opfer zum Täter ist faszinierend.

„Half Man” ist kein bequemes Entertainment, sondern ein schmerzhaftes Psychodrama, das seinem Publikum einiges abverlangt. Wer ein packendes, stark gespieltes und atmosphärisch dichtes Drama über männliche Traumata und zerstörerische Co-Abhängigkeit sucht, kommt an dieser HBO-Produktion nicht vorbei. Man muss dafür jedoch die emotionale Ausdauer aufbringen, denn die 6-teilige Miniserie ist sicherlich nichts für jede Stimmungslage.

81/100
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