„Tip Toe” ist auf dem Papier eine extrem bittere gesellschaftskritische Dramaserie im LGBT-Milieu, in der ein Nachbarschaftsstreit eskaliert. Doch im Kern ist die Serie ein Hilferuf, eine Mahnung und eine Warnung: Queere Menschen sind 2026 nicht mehr sicher: Nicht in Manchester, nicht irgendwo sonst auf der Welt. Ein Thema, das Russell T. Davies, dem Schöpfer von starken Serien wie „Years and Years” und dem thematisch ähnlichen „It’s a Sin” offensichtlich am Herzen liegt. Einige Entscheidungen sind streitbar, aber nach dem emotionalen Ende bin ich immer noch aufgewühlt. Was für ein Schlag in die Magengrube!
„Tip Toe” ist nichts für schwache Nerven und meilenweit entfernt von einer Feel-Good-Serie. Denn bereits in Episode 1 wird das grauenvolle Ende angedeutet: ein möglicher Mord in diesem Nachbarschaftsstreit zwischen dem schwulen Barbesitzer Leo (Alan Cumming, fantastisch inbrünstig) und seinem „bürgerlichen” Nachbarn, dem Brexit-wählenden Elektriker Clive (David Morrissey, brillant alltagsböse). Die Serie zeigt nun in einem schnell eskalierenden Konflikt, wie es innerhalb von zehn Tagen dazu kommen konnte.
Die 5-teilige Miniserie glänzt mit ihrem Ensemble bis in die Nebenrollen hinein, während die beiden Hauptdarsteller überragen. Erneut gelingt Davies eine wilde Kombination aus komödiantischen Szenen, bitterem Drama und flammendem Appell an die Zuschauer. Diesmal ist allerdings der warnende Anteil größer, es gibt einige Monologe und Dialoge, bei denen man spürt, dass sich beim Autor viel Angst und Wut angestaut hat. Die Darsteller bringen dies überragend rüber. Generell nimmt die Serie gesellschaftliche Entwicklungen auf und versucht sich daran, den aktuellen Zeitgeist zu sezieren und zeitweise satirisch zu überhöhen.
„Tip Toe” ist Davies bisher düsterstes und hoffnungslosestes Werk – auf Augenhöhe mit „Years and Years”. Dabei steht Clive für einen typischen Brexit-Wähler, den Trump-Unterstützer, der Verschwörungstheorien glaubt, ein Problem mit Fakten sowie der Wahrheit hat und hinter vorgehaltener Hand homophob und rassistisch ist. Durch die politischen Veränderungen in den letzten Jahren sagt dieser Archetyp viele Dinge wieder laut und in der Öffentlichkeit, die er zuvor nur gedacht hat. Auf der anderen Seite steht mit Leo eine Figur, die das Ende der Aids-Krise in den 1990er-Jahren miterlebt hat und sich durch die nachfolgende Pride-Bewegung ermächtigt fühlte. Mittlerweile bietet er mit seiner Bar einen Safe Space für queere Menschen und Transpersonen. Doch auch er bemerkt eine Zeitenwende: Er braucht mehr Security, es gibt mehr Zwischenfälle. Die beiden Männer werden im Spannungsfeld der Nachbarschaft positioniert. Zudem ist Clives jüngerer Sohn schwul, hat sich allerdings noch nicht geoutet, was zu weiteren Konflikten führt.
An dieser Stelle kann man die Serie dafür kritisieren, dass sie sehr konstruiert ist. Ich empfinde das aber als ganz typisch: Man teasert in der ersten Folge an und erklärt danach, dass eine Reihe von unglücklichen Verkettungen und falschen Entscheidungen zu diesem Ergebnis geführt hat. Womit wir beim nächsten Kritikpunkt einiger Zuschauer wären: dem Ende. Für viele ist es zu übertrieben und wirkt unrealistisch, weil die Charakterentwicklungen nicht ganz ausgereift erscheinen. Ich gebe zu: Es ist etwas überspitzt und überhöht. Aber genau deshalb entfaltet es eine solche Wirkung. Die Täter sind keine Ausgeburten der Hölle, sie sind Idioten, die keine Grenzen mehr kennen. Darin liegt die große Warnung. Die pseudodokumentarischen Einblendungen danach waren allerdings selbst mir eine Spur zu dick aufgetragen.
„Tip Toe” ist ein bitterer, aufrüttelnder Hilferuf im Gewand eines eskalierenden Nachbarschaftsstreits. Russell T. Davies liefert ein hochemotionales Drama, das den aktuellen Zeitgeist radikal seziert und eine düstere Warnung für die Zukunft ausspricht. Auch wenn das polarisierende Finale nicht jeden abholt: Die schauspielerische Wucht von Alan Cumming und David Morrissey brennt sich unweigerlich ins Gedächtnis ein. Deshalb ist „Tip Toe” ein absolut sehenswertes Serien-Highlight.



