Carrie – Kein Horror, sondern bitteres Mobbing-Drama. Review 1. Staffel

„Carrie“ ist ein Coming-of-Age-Drama über Mobbing und Missbrauch mit übernatürlichen Elementen. Alle Ängstlichen können sich freuen, alle Puristen ärgern: Mike Flanagans „Carrie“-Serie ist nur ganz am Rande eine Horrorserie. Sie überträgt die Geschichte eines abgeschotteten Mädchens, das nach dem Tod ihres Vaters zur High School gehen muss, in die Neuzeit. Das gelingt im Kern außerordentlich gut, der übergeordnete Hexenzirkel und die Änderungen im Finale funktionieren für mich aber leider nicht perfekt.

Die 8-teilige 1. Staffel kokettiert ganz offensiv damit, dass man die Ursprungsgeschichte von Carrie bereits kennt. Offenbar steuert alles am Ende auf eine blutige Katastrophe mit viel Feuer hin. Doch von vorne: Nach dem plötzlichen und leicht mysteriösen Tod ihres Vaters ändert sich alles in Carrie Whites (Summer H. Howell) Leben. Bis dahin wurde sie zu Hause von ihrer ultrareligiösen und überaus strengen Mutter unterrichtet, die selbst unter der Kontrolle des Vaters stand. Carrie und ihre Mutter verließen nie das Haus. Nun verlangen die Behörden, dass Carrie die Isolation aufgibt und eine reguläre High School besucht. 

Natürlich ist das für sie ein kompletter Kulturschock, schnell wird sie zur Zielscheibe von direktem und Cyber-Mobbing. Und doch gibt es in der Schule vereinzelt Momente, in denen sie ein ganz normaler Teenager sein darf und richtig aufblüht. Ihre Mutter wird zur Helikoptermutter an der Schule, drangsaliert Carrie aber weiterhin zuhause. Unter diesem extremen psychischen Druck erwachen in Carrie übernatürliche Kräfte. Können diese die Lösung für ihre Probleme sein? 

Mike Flanagan nimmt sich viel Zeit für seine Charaktere und liefert eine Inszenierung ab, die der Tragik der Geschichte außergewöhnlich viel Raum gibt. Besonders beeindruckend ist das Zusammenspiel der Hauptdarstellerinnen: Carrie und ihre Mutter (Samantha Sloyan) tragen die Serie emotional mühelos. Auch die Modernisierung der Story funktioniert über weite Strecken hervorragend, die Welt wirkt greifbar und echt. Die Ideen, das Mobbing auch auf Social Media zu übertragen und die Mutter in der heutigen Zeit als eine Art Social-Media-Star zu inszenieren, funktionieren als spannende Beobachtungen unserer Gegenwart. Die 6. Episode ist deshalb ein echtes Highlight, das ich nicht so erwartet hatte. Bis dahin nimmt sich die Serie allerdings etwas zu viel Zeit, das Erzähltempo leidet im Mittelteil spürbar.

Zeitweise erinnerte mich die Serie stark an „Stranger Things”. Vieles an der Figur Carrie schreit „Eleven”. Speziell, wenn Carrie ihre Kräfte austestet und die typischen Handbewegungen durchführt, werden die Parallelen unübersehbar. Unterstützt wird dieser Vibe von einem auffällig guten Soundtrack, auch wenn hier vor allem atmosphärischer Indie-Pop statt nostalgischer 80er-Synthesizer dröhnt. Das Kuriose daran: „Stranger Things” ist phasenweise fast gruseliger als Carrie. Das liegt auch am mysteriösen Überbau des Hexenzirkels mit rivalisierenden Gruppen und einer forciert wirkenden geschichtlichen Einordnung. Dieser erzählerische Kniff wirkt leider eher hineingezwängt und reißt einen immer wieder aus der Handlung heraus. Hier möchte Flanagan Carrie wohl ans erweiterte Stephen King Universum heranführen, statt die Carrie Geschichte für sich stehen zu lassen. Das fällt ultimativ im Finale auf. Das wird so lang angeteasert und aufgebaut, doch die Änderung zum Buch nehmen dem Ende eine gewisse Tragweite. Stattdessen möchte man den Aspekt noch weiter ausbauen, den ich am schwächsten an der Serie fand. Deshalb hat das Finale – trotz einiger toller Momente – für mich nicht ganz funktioniert.

Die „Carrie”-Serie von 2026 ist weniger eine Horrorserie als vielmehr ein bitteres Drama über Schule, Isolation und Missbrauch. Wer ein furchteinflößendes Gruselfest erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich jedoch auf ein charakterbasiertes Coming-of-Age-Drama mit tollen Darstellerinnen und starker Atmosphäre einlässt, bekommt eine packende Modernisierung geboten. Über das polarisierende Ende kann man dazu hervorragend diskutieren. An einer eventuellen Fortsetzung bin ich so halb interessiert. Mal sehen, ob sie kommen wird. Im Ranking der Mike Flanagan Horrorserien gefielen mir „Midnight Mass” und „Haunting of Hill House” leicht besser.

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