„Ana und Oscar” ist eine intensive spanische Liebesdrama-Serie, in der man immer an Silvester für einen Tag über einen Zeitraum von 10 Jahren als Beobachter in die Leben der beiden Hauptfiguren eintaucht. Sie treffen sich im Alter von 30 Jahren und beginnen bald darauf eine Liebesbeziehung. Aber auf die Höhen folgen auch viele Tiefen. Die dialoglastige, kammerspielartige Serie überzeugt durch ihre hohe Authentizität, wundervolle Darsteller und eine Machart mit langen Szenen ohne Schnitte, die den Realismus unterstreicht. Die zweitbeste westliche Liebesdrama-Serie nach Normal People und ein echter Geheimtipp.
Silvester 2014: Ana (Iria del Río) feiert ihren 30. Geburtstag, fühlt sich in ihrem Leben aber nicht so recht angekommen. Ihr Job als Barkeeperin gibt ihr nicht viel, ihre Freundinnen schenken ihr einen großen roten Koffer, da sie in Kürze für ein Jahr nach Kanada auswandern will. Mehr zufällig trifft sie auf den Arzt Oscar (Francesco Carril), der ebenso ziellos wirkt. Sofort besteht eine Chemie zwischen den beiden und bei dem Titel kann man sich schon denken, wohin die Reise führt. Nach einer intensiven ersten Begegnung steckt zunächst noch Oscar in einer anderen Beziehung, kurz darauf werden die beiden aber zu einem Paar. Nach einer folgenschweren Berlin-Episode verschlägt es die Figuren auch nach Frankreich. Dabei wird die Stimmung immer melancholischer und trauriger, vor allem, als auch noch ein Baby in der Verlosung auftaucht. Aber vielleicht gibt es doch noch Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft?
Die Idee der Serie ist clever. Statt alle Aspekte der Beziehung der beiden haarklein (in Zeitraffern) zu erzählen, wirft die 10-teilige Miniserie stattdessen jedes Jahr das Schlaglicht auf eine der beiden Hauptfiguren an Silvester. Was innerhalb des jeweiligen vergangenen Jahres passiert ist, erfährt man mehr beiläufig durch die zahlreichen Gespräche, die von den Figuren geführt werden. So setzt sich nach und nach ein glaubhaftes Mosaik zusammen. Genauso clever ist die Machart, die teilweise ans Theater erinnert und eine hohe Intensität und Authentizität verleiht. Denn häufig gibt es lange Sequenzen ohne Schnitt. Die Figuren interagieren kammerspielartig miteinander und dass die Handlung auf ein großes Ereignis zusteuert. Beispielsweise wird beim immer unangenehmer werdenden Gespräch unter Freunden voll draufgehalten oder auch bei einem extrem fiesen und heftigen Streit. Die Charaktere können nicht fliehen und genauso kann man als Zuseher seinen Blick nicht abwenden. Ob alle Dialoge vorgeschrieben oder doch improvisiert waren, ist letztlich völlig egal, denn die Wirkung stimmt: Die Geschichte wirkt real. Ich glaubte das Erzählte und war irgendwann einer Sogwirkung verfallen. In solchen Momenten merkt man, dass Schöpfer Rodrigo Sorogoyen (diesmal mit Sara Cano und Paula Fabra) eigentlich aus dem Spannungskino, dem Thrillerbereich (Antidisturbios) kommt. Denn die Inszenierung erinnert in ihrer Intensität manchmal genau daran: Ein Liebesdrama als fesselnder Thriller inszeniert.
In der Mitte hängt die Geschichte minimal durch und ab und an wird etwas zu stark mit Stereotypen oder Zufällen gearbeitet. Ob man den Verlauf der Handlung mag, ist subjektiv. Aber das sind letztlich nur kleine Kritikpunkte. Denn „Ana und Oscar” ist eine realistisch anmutende Liebesdrama-Serie, der es sogar exzellent gelingt, mit dem Aussehen seiner Charaktere die 10 Jahre authentisch abzubilden. Dazu sind die Darsteller großartig. Zunächst wird große Sympathie transportiert, aber im Verlauf gibt es auch für die Zuschauerschaft mehr Zweifel am Charakter der Figuren. Das spanische Setting sorgt zudem für eine gelungene Abwechslung, ebenso ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Figuren von ihrem 30. bis zu ihrem 40. Lebensjahr erfrischend in einem Meer von Teenie oder Young Adult-Geschichten.
Ich möchte „Ana und Oscar” breitflächig empfehlen. Fans von „Normal People” sollten auf jeden Fall einschalten, genauso Dramafans. Auch Fans von klassischen Liebesgeschichten oder Booktok-Stories sollten auf ihre Kosten kommen. Denn „Ana und Oscar” ist besser als vieles davon und kann vielleicht die Tür zu einem anderen Blickwinkel auf Liebesgeschichten (auf dem Bildschirm) öffnen. Die Serie ist leider ziemlich unbekannt und damit ein echter Geheimtipp!



