„As You Stood By” ist eine koreanische Dramaserie, die schnell zum Rachethriller und zu einem Katz-und-Maus Spiel wird. Zu Anfang möchte ich aber eine Triggerwarnung aussprechen: Hier gibt es Gewalt an Frauen, es gibt mehrere blutige Szenen, wo sie geschlagen werden, das große Thema ist die häusliche Gewalt und wie man dieser entkommen kann. „Glücklicherweise” beginnt aber nach viel Leid zu Beginn frühzeitig (ab Folge 3) die Racheplanung und die Serie erinnert an die ebenfalls koreanische Rachethriller-Serie „The Glory”. „As You Stood By” basiert auf einem japanischen Roman von 2014 und schockiert bereits am Ende der ersten Folge mit den zwei möglichen Auswegen für die Hauptfigur: Selbstmord oder Mord?
Die erste Folge wirkt lange Zeit etwas ziellos, weil sie sich in einem Subplot verstrickt, der erst später wieder relevant wird. Die Handlung startet nämlich nicht mit der gebeutelten, misshandelten Hui-su (Lee Yoo-mi, „Squid Game”) selbst, sondern ihrer besten Freundin Eun-soo (Jeon So-nee), die Verkäuferin für Luxusartikel in einem Kaufhaus ist. Dort klaut ihr eines Tages ein Mann eine Uhr und man kann vermuten, dass sie darüber in die Unterwelt oder eine Liebesgeschichte hineinrutscht, doch das ist eine falsche Fährte. Denn stattdessen wird zum Ende der Folge deutlich, dass Eun-soo ihr Leben lang die Gewalt ihres Vaters an ihrer Mutter „tolerierte” und sie nun einen Hilferuf einer von ihrem Mann misshandelten Kundin erhält. Doch sie steht nur teilnahmslos daneben, tut nichts und kurze Zeit später begeht diese Kundin Selbstmord. Grund genug für Eun-soo zu ihrer besten Freundin nach Hause aufzubrechen, bei der sie auch häusliche Gewalt vermutet. So gerade erwischt sie sie noch auf dem Balkon. Folge 2 zeigt, wie Hui-su an diesen Punkt kam. Ab Folge 3 beginnt ein typischer koreanischer Rachethriller, allerdings sind die Hauptfiguren weder so planvoll, noch so abgebrüht wie in anderen Vergleichswerken des Genres. Nach einem überraschend frühen Showdown ermittelt auch die Polizei, so dass ein Katz-und-Maus-Spiel mit zahlreichen Twists, Verwirrungen, Enthüllungen und zahlreichen Spannungsmomenten entsteht. Ich hätte zu Beginn sicherlich nicht erwartet, dass die Geschichte so endet. Ob das Ende aber ganz rund ist, steht auf einem anderen Blatt Papier.
„As You Stood by” ist eine stilsichere 8-teilige Miniserie, die atmosphärisch dicht wirkt und überraschende Highlightmomente in den Actionsequenzen bieten kann. Die großartige Szene zu Beginn der 4. Folge fand ich ganz überragend, weil sie als Plansequenz gestaltet ist und nachhaltig wirkt. Auch der Musikeinsatz funktioniert sehr gut, die Darsteller überzeugen und bei diesem ernsten und finsteren Thema konnte ich kein großes „Overacting” feststellen. Doch leider gibt es auch ein paar Probleme. Die traumartigen Sequenzen, die als Cliffhanger am Ende einiger Folgen falsche Tatsachen vorspielen, hätte ich nicht gebraucht. Zudem kann man sich die ein oder andere Logikfrage stellen. Öffne ich voller Blut eine Tür? Plane ich meine Straftaten wirklich so schlecht? Ist das Zusammensetzen des großen Puzzles tatsächlich so einfach, dass die Antagonistin dafür nur 5 Minuten braucht, aber vorher überhaupt nicht darüber nachgedacht hat? Muss das mit dem Doppelgänger so sein? Und warum gibt es eigentlich diese leicht mysteriöse Figur des Uhrendiebs/irgendwie reichen Typen, der die beiden Frauen in ihrem Handeln stets unterstützt? Was ist sein Motiv?
Letztlich sind das aber nur kleinere Makel, die man nicht auf die Goldwaage legen sollte und die den Sehgenuss kaum schmälern. Die Miniserie bietet nach einer verwinkelten ersten Episode durchweg ein gutes Tempo, vor allem ab Folge 6 wird die Eskalationsschraube gekonnt weitergedreht. Deshalb ist „As You Stood by” ein gelungener Rachethriller, der am Ende auch „empowernd” wirken kann. Ich fand die letzten gut 10 Minuten leider nicht ganz rund, war aber lange Zeit ziemlich gut unterhalten. Falls man die Hürde des Themas der häuslichen Gewalt überspringen kann, erwartet einen ein stilsicherer Thriller mit spannenden Wendungen. Die Serie gibt es auf deutsch synchronisiert auf Netflix.



