Babylon Berlin – Die goldenen 20er, Kriminalfälle und das Ende der Demokratie. Review ganze Serie

„Babylon Berlin“ ist ein deutsches historisches Drama und gleichzeitig ein Krimi, angesiedelt zum Ende der 1920er Jahre in Deutschland im Spannungsfeld der schwächelnden Weimarer Republik, erzählt aus ihrem Machtzentrum heraus: Berlin. Im Zentrum der Serie stehen zunächst Mordfälle vor der interessanten historischen Kulisse. Doch mit laufender Handlung geraten auch mehr die Nazis und ihr Aufstieg in der Vordergrund. Damit können zwar nicht alle Handlungsstränge durchweg überzeugen, aber die Hauptgeschichte ist stimmig erzählt. Die ersten beiden Staffeln sind sehr gut, die 3. Staffel schwächelt etwas, die 4. und 5. Staffel kümmern sich sehr um die Nazis.

Die Serie braucht etwas Zeit, um Tempo aufzunehmen und den roten Faden herauszustellen. Die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Zeit werden dabei gut porträtiert, darüber hinaus wird sich genügend Zeit genommen, um die verschiedenen Einflussgruppen (innerhalb der Polizei und politisch) umfassend zu beleuchten. Durch die gelungene Exposition schafft es „Babylon Berlin” die Gesellschaft der Weimarer Republik zu charakterisieren, die doch eher selten Thema im Film ist. Auf Basis dessen wird anfangs eine recht klassische Kriminalgeschichte erzählt mit einem Kommissar, der aus dem Krieg gebeutelt zurückkehrte, und einer aufstrebenden Dame, deren Ziel es ist, die erste Kommissarin der Mordkommission in Berlin zu werden. Die ersten beiden Staffel bieten eine gemeinsame Haupthandlung und schließen nahtlos aneinander an. Vor allem das Ende von Staffel 1 und Großteile der 2. Staffel sind wirklich spannend und überzeugend, einige Folgen glänzen mit überraschenden Szenen. Das CGI-Zug-Ende ist aber vor allem visuell eine große Enttäuschung. Inhaltlich war das Gezeigte allerdings sehr gut.

Staffel 3 führt einerseits das Ende der zweiten Staffel und die Geschichte einer sich verändernden Gesellschaft weiter, die NSDAP wird unter anderem präsenter, andererseits haben wir einen komplett neuen Kriminalfall im Film-Milieu. Dieser Spagat funktioniert gut. Gerade die historische Komponente mit einem Aufbegehren der Nazis und einer Charakterisierung der konservativen Kräfte gelingt, die in den Nazis zu diesem Zeitpunkt noch Steigbügelhalter für ihre eigene künftige Macht sahen. Auch Kurzauftritte von historischen Persönlichkeiten wie Stresemann stehen der Serie gut. An einigen Stellen wirkt die Serie allerdings überfüllt, gerade die Börsenthematik und das Okkulte passen nicht richtig unter den Hut. Dazu kommen relativ sinnlose Nebencharaktere, denen mehr Zeit eingeräumt wird, als ihre Rolle als Vehikel der Story eigentlich nötig hätte. Außerdem leidet die Geschichte an einigen Stellen an der Dummheit seiner Charaktere und über die Gesamtzeit an ein paar zu vielen Andeutungen. Beispielsweise bekommt man die Lösung der Mordserie schon früh präsentiert, man möchte nur aufgrund des fragwürdigen Motivs nicht so recht daran glauben. Die filmischen Referenzen und die Produktion sind liebevoll und solide. Generell habe ich gerne weiter geschaut, da die Serie im Setting vor dem historischen Hintergrund ein schönes Alleinstellungsmerkmal hat, wodurch sie sehenswert ist.

Staffel 4 startet krass hinein mit ganz vielen Hakenkreuz-Armbinden. Wir sind im Jahr 1930/31, die NSDAP begehrt weiter auf, die SA wird präsenter, der gesellschaftliche Wandel wird deutlicher. Leider bekommen wir von dem sonst so gelungenen Wordbuilding außerhalb der SA-Massenszenen und dem ein oder anderen Gericht allerdings wenig mit. Ansonsten krankt die Serie immer noch an ähnlichen Problemen, die wieder mit den schwachen Nebencharakteren und ihren dummen Handlungen zu tun haben. Besonders auffällig ist, dass alle wichtigen „Kinder“ eigentlich nur dumme, idiotische Hürden für ihre jeweiligen Eltern oder ihr Motiv sind. Frustrierend. Die Handlungsstränge sind diesmal vielfältig, was darin mündet, dass es in der Mitte mal langweiliger ist und die Ränder stärker sind. Im Speziellen kann ich der ganzen Storyline um Lars Eidinger, der mal wieder heillos überdramatisch overacted, in Verbindung mit dem Edelstein wenig abgewinnen. Genauso die überfällige, langweilige Lovestory und alles was hier mit Kunst und Tanz noch zu tun hat. Ausgenommen der Geniestreich Max Raabe zu verpflichten und ihn den Hit „Ein Tag wie Gold“ mehrfach performen zu lassen. Der Charlotte Storystrang ist zumindest am Ende gut und schön konsequent (was zu starken 20 Minuten am Anfang von Folge 9 führt) und auch Gereons mit der SA ist interessant. Die Unterwelt-Geschichte ist immerhin unterhaltsam, wenn auch etwas quatschig. Spannend ist, dass man sich von dem Genre des Krimis fast ganz gelöst hat und sich in verschiedenen Genres ausprobiert. Der politische Teil steht mittlerweile eher im Vordergrund. Die Rahmenhandlung um Gereons Krankheit ist weiterhin vor allem merkwürdig.

Staffel 5 beginnt mit einem Paukenschlag: Hitlers Machtergreifung, der 30. Januar 1933 ist der finale Anfang vom Ende. Doch Rath und sein komischer Geheimrat wollen das nicht wahrhaben und planen Hitler doch noch zu stoppen. Möglicherweise kann dabei auch die Krankenakte Hitlers von 1918 eine entscheidende Rolle spielen. Denn vielleicht könnte man ihn „entzaubern“, wenn bekannt würde, dass er seine damalige Blindheit nur simulierte. An dieser Stelle deutet sich bereits mein größtes Problem mit der 5. Staffel an: Sie ist erstaunlich viel Fiktion und wir kennen trotzdem bereits das Ende.

Die Geschichte rund um die Krankenakte und die angeblich brisanten Inhalte ist ein weitgehend widerlegter Mythos, den die Serie wie einen Fakt darstellt. Das könnte ich noch verzeihen, doch der fiktive Anschlag auf Hitler rund um den Reichstagsbrand geht mir zu weit. Vor allem muss man sich eines fragen: Wir alle wissen, wie die Geschichte ausging. Wie spannend kann dann ein Anschlag und dessen Planung sein, wenn der Ausgang ohnehin bekannt ist? Wenn man das wirklich gut inszeniert, mag das vielleicht klappen, aber die Ausführung ist so dumm und dilettantisch, dass ich mir nur noch an den Kopf fassen wollte.

Doch ich möchte nochmal einen Schritt zurückgehen. Denn den Stab über die Serie möchte ich nicht brechen. Denn sie brilliert in ihrer 5. Staffel weiterhin mit guten Kulissen, authentischen Darstellern (bis auf Gereons Kölsch) und einer fantastischen Atmosphäre. Die Diskrepanz zwischen rauschenden Festen und Machtübernahme der Nazis in allen Bereichen ist hervorragend gelöst. Schrittweise und doch plötzlich verlieren die Menschen all ihre Freiheiten. Diese bekannten Babylon Berlin typischen Szenen gibt es weiterhin und sie wirken in dieser politischen Atmosphäre nicht fehl am Platz, nein, sie unterstreichen viel mehr die Bedrückung und die Beklemmung. Bald wird das alles nicht mehr gehen, bald wird alles vorbei sein.

Der Kriminalfall rund um Charlotte ist ebenfalls durchaus interessant, aber unbefriedigend, weil er speziell gegen Ende komplett und erwartbar in den Hintergrund gedrängt wird. Dort kommt es zu einem weiteren Ärgernis meinerseits: Die Paar-Chemie zwischen Gereon und Charlotte hat ohnehin nie gepasst, aber wie sie sich dann finden und innerhalb von 0,2 Minuten wieder auseinanderleben, ist faul umgesetzt. Es wirkt, als seien Volker Bruch und Lisa Liv Fries fast nie zusammen am Set gewesen. Doch das wäre ich alles bereit zu verzeihen. Wenn das Ende besser wäre. Ja, die Rede im Reichstag ist cool und man kann sie wunderbar auf die heutige Gegenwart übertragen. Generell ist die 5. Staffel ein erschreckendes Zeitdokument, eine Parabel auf unsere Gegenwart und ein flammender Appell (an die linken Parteien und die Gesellschaft) Diskrepanzen zu überwinden und sich gegen einen Feind zu verbünden. All das gelingt der Staffel sehr überzeugend.

Was erneut nicht funktioniert, ist der CGI-Showdown. Hat man nicht aus der Zuggeschichte von Staffel 2 gelernt? Warum muss ein Serienfinale CGI-intensiv sein, wenn man es nicht schön hinbekommt? Das verstehe ich einfach nicht. Doch mein größtes Problem mit der Staffel bleibt die fehlende Authentizität. Man kann doch keine Serie mit den Voice-Overn der Charaktere beenden, die Menschen spielen, die es wirklich gegeben hat und ihren weiteren Werdegang kurz schildern, sich aber zuvor so viele historische Freiheiten nehmen. Fand man wirklich keine bessere Storyline als diesen geplanten Anschlag auf Hitler? Das ist enttäuschend und führt ultimativ zu einer Dissonanz, die für mich nicht funktionierte. Deshalb bleibt am Ende die Enttäuschung zurück. Ich mochte einiges an Staffel 5, aber die finalen Storylines waren nichts. Man hätte sich der Geschichte und der Wahrheit mehr verpflichtet fühlen sollen. Gerade angesichts der historischen und aktuellen Gravitas, die man selbst aufbaut.

„Babylon Berlin“ ist eine interessante und spannende Serie, die eine Zeitepoche zum Leben erweckt, die selten in Film und Fernsehen porträtiert wird. Die Produktion, die Kulissen und auch die Inszenierung sind meist gut und vor allem stimmt die Atmosphäre. Leider stehen das zu häufige Nutzen von schlechtem CGI und einige Handlungsstränge (die ganze Hypnose Nummer) auf nicht so sattelfesten Füßen. Dennoch ist der deutsche Exportschlager eine sehenswerte Serie – mit Abstrichen.

78/100
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