Suche mich nicht – Schaue mich nicht, ich bin Harlan Coben Standard. Review Miniserie

Juhu! Eine neue Harlan Coben-Roman Adaptionen! Einige werden sich darüber tatsächlich noch freuen, nicht umsonst landen die (Netflix)-Miniserien nach ihrem Release immer eine Weile auf Platz 1 der Serien-Bestenliste. Für mich sind sie meistens ein Grund weiten Abstand zu nehmen. Nach solchen halbgaren Enttäuschungen wie „Ich schweige für dich” und „The Five” glaubte ich alles zu wissen, aber „El Inocente” konnte mich positiv überraschen. Deshalb gab ich der Neujahrsserie „Run Away” eine Chance und damit dem Mann, der Sebastian Fitzek gerne wäre. Doch lohnt sich der allzu klassische Thriller mit Familiendrama, eindimensionalen Charakteren, unzähligen Handlungssträngen und vielen Klischees? Für Fans der zahlreichen Adaptionen: Ja. Wer etwas Besseres als eine Standard Harlan Coben-Verfilmung erwartet, muss weiter warten oder sich anderen, deutlich besseren (Thriller-) Serien widmen.

Paige Greene, eine Tochter der fünfköpfigen Familie Greene, wurde drogenabhängig und brannte mit ihrem Freund durch. Vater Simon (James Nesbitt, ein Wahnsinn, wie viel besser er in der viel besseren Serie „The Missing” spielt) hofft immer noch, sie wiederzufinden und hat eines Tages Glück! Er bekommt eine Nachricht, dass sie im Park Gitarre spielt, dort sieht er sie tatsächlich! Mission complete? Leider nein, ihr Freund hält ihn auf, er verprügelt ihn, das Video geht viral, die Tochter entkommt. Doch damit nicht genug, kurz darauf wird der Freund tot aufgefunden! Nun ist Simon natürlich der Hauptverdächtige. Daraus ergibt sich ein twistreiches Verwirrspiel, bei dem man neben der Aufklärung des Mordes noch so viele andere Sachen präsentiert bekommt.

Denn neben dem Haupthandlungsstrang, der eigentlich ausreichend wäre, gibt es auch noch eine Privatdetektivin und ein Bonnie und Clyde-Pärchen, das mordend durch die Gegend zieht. Zu Beginn versteht man nicht mal die Zusammenhänge, die sich erst im Verlauf (lose) ergeben. Doch auch diese Nebenhandlungsstränge haben nochmal Subplots. Warum gibt es eine Sektenstory, warum soll mich das Privatleben der Privatdetektivin tangieren, wieso muss ich die Kommissare sehen, wie sie halbnackt im Bett „ermitteln“ und rumturteln? Das alles und noch viel mehr braucht es nicht, die Handlung ist überfrachtet und man fragt sich, ob für die Serie drei Bücher zusammengefasst wurden. Weniger ist mehr.

Doch leider wirkt die Geschichte wie das Abhaken einer Checkliste von gängigen Tropes. Mögliche Affären, Vaterschaftstests, eine vollkommen überspitzte, unlogisch mordende Sekte, Rückblenden, verbotene Liebe am Arbeitsplatz, dunkle Familiengeheimnisse, Vergewaltigung, Selbstjustiz, Doppelleben, Samenspenden, Koma mit Komplikationen, Professor-Studentin-Beziehung, Kindesmisshandlung in Kinderheimen, Vertuschung von Straftaten durch Cops, virale Videos (wo „viral video“ im Titel steht), „diese jungen Leute“, toxische Lovestorys, Drogen und vieles mehr. Manches davon wird auch nur für 3-5 Minuten kurz ohne große Zusammenhänge angerissen, bis man sich zum nächsten Plotpunkt hangelt. Dadurch bleibt alles oberflächlich und kommt nicht über den Standard oder das Klischee hinaus, es bleibt bei Buzzwords – Stichwörtern, die irgendwie zufällig miteinander verbunden werden. Es wirkt dadurch teilweise wie von ChatGPT verfasst. Immerhin hält man zwar somit irgendwie das Tempo hoch, aber smart ist das alles nicht. Das zeigt sich auch daran, dass es immer noch bedeutungsschwangere Dialoge für Figuren gibt, bevor sie das Zeitliche segnen. Oder Personen aus dem Nichts für Interventionen sorgen, weil sie „zufällig“ am richtigen Ort sind. Zudem funktioniert die Geschichte nur (zumindest anteilig), weil Menschen konsequent nicht miteinander reden (was vielleicht immerhin realistisch ist).

Diese ganzen kurzen Nebenthemen erinnerten mich an sogenannte Bloatware auf einem Smartphone – Apps, die vorinstalliert sind und sich (teilweise) auch nicht löschen lassen, sondern nur Platz wegnehmen, den man für eine besser erzählte Hauptgeschichte gut hätte gebrauchen können. Die Haupthandlung hätte man so auch gerne in stringenten fünf Episoden statt der dargebotenen acht erzählen können. Die Darsteller haben alle schon mal irgendwo sonst besser gespielt, die Produktion der Serie ist solide, ich mochte die Konsequenz und die Brutalität, nur wenige Charaktere können sich sicher fühlen und profitieren von „Plot Armour” (diese aber ausgiebig). Was mich neben den bereits angesprochenen Makeln sehr nervte: 

Die Dialoge und Figuren wirken so geschrieben, wie sich ein 60+ jähriger junge Leute vorstellt mit ihrem social media und diesen ganzen Dingen, „dieser Technik und so“. Das ist alles nicht realistisch, maximal oberflächlich und spielt nur in das Klischeedenken gedanklich eingefahrener Menschen hinein. Der Gipfel dessen ist die Person, die in Hashtags spricht („#halteschrittopa”), um jemandem zu signalisieren, dass er alt ist. In Hashtags, so wie das wenige Leute unironisch vielleicht 2015 zuletzt taten. Stark: Das ist am Puls der Zeit, aber mutmaßlich reicht es der Hauptzielgruppe, die diesen „Humor” wertschätzen kann. 

Doch überzeugt wenigstens die Hauptgeschichte? Bei „Suche mich nicht” handelt es sich um einen Thriller, gewissermaßen ein Whodunit, somit ist die Auflösung das Kernelement der Geschichte. Wenn die Auflösung befriedigend ist, bin ich bereit, über vieles hinwegzusehen. Hier ist sie so lala. Die Nebenhandlungsstränge werden überraschend konsequent gekappt, die letzte Folge ist daher sehr unspektakulär und in Teilen vorhersehbar. Den finalen Twist mochte ich hingegen ganz gerne, wobei er nicht wirklich logisch ist. Aber gut. Ich war davon immerhin nicht so genervt, wie von anderen Themen. Die Auflösung konnte es für mich aber auch nicht herausreißen.

Jetzt habe ich mich wieder halb in Rage geschrieben, ich sollte einfach aufhören diese Harlan Coben Netflix-Verfilmungen nach den immer gleichen Mustern von ähnlichen Schöpfern zu schauen. Für mich lohnt sich „Suche mich nicht” nicht. Doch wer mit größtmöglicher Oberflächlichkeit und ohne viel Nachdenken etwas Hintergrundrauschen braucht, den zumindest die Konsequenz noch beeindrucken kann oder der nur einfach einen Thriller zum einfachen Mitraten braucht, der schaut Probe. Der Rest macht einen Bogen um die Miniserie.

Aber offenbar gefallen diese Verfilmungen immer noch genügend Menschen, sonst würde es nicht so viele pro Jahr geben. Mein Tipp: Auf meinem Blog gibt es genügend bessere Thrillerserien, vielleicht gefallen die Euch noch besser und ihr wollt nie mehr zurück!

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