Stranger Things – Lohnt sich das Fantasy-Mystery-Nostalgie-Fest mit 80s Vibe? Review ganze Serie

Zu Beginn auf jeden Fall. Obwohl ich bereits seit Staffel 1 meine Probleme mit der Serie hatte, mochte ich sehr viele der gelungenen Versatzstücke. Die immergleichen 80er Klischees erreichten mich dabei weniger, als die hochinteressante Story um 11 (Millie Bobby Brown) und die spannenden Mystery-Handlungsstränge, die mit dem Upside Down verbunden sind. Was die Serie auszeichnet, ist ein feines Gespür für die aktuelle Popkultur, Nostalgie und für ikonische Szenen. Darüber hinaus schreckt die Serie auch nicht vor Konsequenzen zurück und beweist Mut zum Settingwechsel (was ihr nicht immer hilft).

Doch der Reihe nach: Will Byers (Noah Schnapp) verschwindet in der Kleinstadt Hawkins, seine verzweifelte Mutter Joyce (Winona Ryder, die sehr expressiv spielt) wendet sich an die örtliche Polizei, Jim Hopper (David Harbour), nimmt sich des Falls an. Gleichzeitig suchen Wills drei beste Freunde Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo) und Lucas (Caleb McLaughlin) nach ihm und tragen den „Stand by Me”-Vibe in die Serie. Doch die Teenager finden nicht Will, sondern Eleven im Wald, die telekinetische Superkräfte zu haben scheint und die bei sich aufnehmen. Im weiteren Verlauf wird ein Verschwörungskonstrukt deutlich, Eleven floh aus einer Laboranstalt, wo Experimente an ihr durchgeführt wurden, Will scheint sich in einer Paralleldimension zu befinden, kann aber vielleicht gerettet werden! 

Auch wenn die Handlung überfrachtet scheint, gelingt Staffel 1 eine zeitweilig spannende, fast immer interessante und selten nervige Handlung. Nicht alle Darsteller wissen durchweg zu überzeugen, wie auch weniger der High School Handlungsstrang, aber die Geschichte rund um Mystery ist der Star der Serie, bei der ich mich stets an der 80er Jahre Musik erfreuen kann. Die weiteren Staffeln habe ich immer kurz nach dem jeweiligen Erscheinen geschaut und bewertet, deswegen gibt es Einzelbewertungen pro Staffel, ohne dass ich groß auf die Handlung eingehen möchte, denn das wären alles Spoiler.

Nach dem spannenden Ende der 1. Staffel, das neue Probleme um Will und einen größeren Feind andeutete, überhebt sich Staffel 2 ein wenig dabei das ganze Konstrukt auf eine größere Ebene zu heben. Darüber hinaus hat sie anfangs Pacing-Probleme. Ich empfand Staffel 2 daher durchweg als etwas schwächer als die vorherige Staffel, konnte aber gerade mit dem Charakter der Max (Sadie Sink) gut connecten. Generell gelingt es der Serie immer wieder neue, interessante Charaktere einzuführen und diesen erinnerungswürdige Szenen zu geben (Maya Hawke ab Staffel 3). Vor allem die komplett von der Handlung losgelöste 7. Episode, die ein Spinoff einleiten sollte, was es nie gab, fiel negativ ab. Die letzten beiden Folgen der neunteiligen Staffel wissen allerdings wieder zu überzeugen.

Staffel 3 treibt es mit Anspielungen komplett auf die Spitze, sehr wenig von Dialogen und Handlungssträngen wirkt originell. Kopiert es denn wenigstens gut? Ja, es kopiert allerdings auch viele Schwächen. Vor allem die Dialoge, die zur Weiterentwicklung der Figurenkonstellationen führen sollen und nicht zur Weiterführung der Story, sind teilweise peinlich und triefen in Kitsch. Das Aneinander vorbei-Schreien und das direkte Anschreien, anstelle von vernünftigen Gesprächen, ist in Teilen nur anstrengend. Die ersten beiden Folgen von Staffel 3 sind deswegen schwer erträglich. Ab Episode 3 und dem Einsetzen der Hauptgeschichte wird es besser. Dann ist die Handlung häufig ganz unterhaltsam und führt zu einem überraschenden Ende. Warum man allerdings das große Russland-Thema öffnete und dann noch in dieser Gänze später weiterverfolgte, blieb mir ein Rätsel, genauso wie die Forcierung von jeglichen möglichen Liebesbeziehungen.

Staffel 4 ließ einige Zeit auf sich warten, konnte allerdings erneut einen Hype entfachen und brachte „Stranger Things” wieder an die Spitze der Popularität und Popkultur (unter anderem dank Kate Bush). Nach dem komplizierten Ende der 3. Staffel gibt es nun eine ganze Reihe von verschiedenen Gruppen in verschiedenen Settings mit eigenen Zielen. Dadurch wirkt die Geschichte etwas fragmentiert, da die Handlungsstränge ständig springen, beispielsweise, wenn es gerade mal interessant wird. Das hilft dem Tempo nicht, auch der gesamte Russland-Handlungsstrang ist eher schwach und reißt die Zuschauer ständig heraus. Aber es gibt auch wieder mehr Stärken in dieser Staffel. Der Hawkins Handlungsstrang, gerade um Max, ist kreativ und spannend, die 11-Entstehungsgeschichte ist hochinteressant.

Insgesamt ist die 4. Staffel stärker als die schwächere 3. Staffel, was durch die absolute Knallerfolge 4 zementiert wird. Subtil ist die Geschichte weiterhin nicht, die Anspielungen und die Atmosphäre stimmen aber wieder sehr gut. Das immer wieder dasselbe Schema F der Pärchenbildung ist etwas nervend: Zwei Leute reden jetzt mal über ihre Beziehung zueinander. BUMM! Irgendwer stört. Jetzt geht die Story weiter! Das ist nicht die cleverste Art eine Geschichte voranzutreiben, aber die spannende Hauptstory kann dieses Mal vollends überzeugen und bringt starke Sequenzen hervor. Auch wenn die Szenen manchmal kitschig wirken, sind sie wunderbar inszeniert und wissen auch emotional zu überzeugen. Die nun zahlreicher werdenden CGI-Effekte sind überwiegend gut und führen zu einem gelungenen Gesamtbild. Staffel 4 ist ganz anders als Staffel 1, aber erreicht aber wieder dieses gute Niveau. Etwas problematisch ist, dass die 4. Staffel insgesamt 3 Jahre auf sich warten ließ, in diesem Zeitraum waren zuvor die ersten 3 Staffeln veröffentlicht worden. Das hilft natürlich leider nicht bei einer Serie mit zahlreichen jungen Darstellern, die älter werden und dennoch innerhalb der Logik der Serie noch relativ gleichalt sein sollen.

Staffel 5 beendet die Serie. Ich könnte groß über fehlende Glaubwürdigkeit der Charaktere sprechen, die alle von Schauspielern (häufig schwach) verkörpert werden, die mindestens 5-10 Jahre älter als ihre Rolle sind. Ich könnte mich darüber beschweren, wie „Stranger Things“ ein einziges CGI-Gewitter mit schwach aussehenden Kulissen, noch hässlicheren Hintergründen und zielloser Ausleuchtung ist. Ich könnte mich über zahlreiche sinnlose Gespräche aufregen, die Figurenentwicklungen möglichst ungelenk durchs Reden statt durch Aktionen („Show don’t tell!“) vorantreiben. Ich könnte laut fragen, was die ganze Nummer mit dem Militär eigentlich soll und inwiefern vor dem Zeitsprung rund ums Militär wirklich alles gut ist (Und warum Hopper ungestraft x Leute töten darf). Ich könnte mich über ein Ende aufregen, was die Zuschauer selbst wählen lässt, ob es eine gewisse Gravitas gibt oder nicht. Oder mich fragen, wie sinnig die Opferlogik eigentlich ist. Oder genauer auf die ganzen möglichen Plotholes, Anschlussfehler und nicht durchdachte Sequenzen blicken. Oder den komischen „Stein der Weisen“ mitsamt „Abyss“ und anderen Forschungsbösartigkeiten hinterfragen. Ich könnte mich aber auch über gelungene Referenzen, einen charmanten Cast, einige wundervolle Kamerashots und Schnitte, ein paar stimmige Gags, schöne Musikmontagen, einige epische Kampfmomente (Let’s go Will!), die würdevolle Verabschiedung vieler Figuren und großartige Credits freuen. Auch wenn die positiven Momente kürzer erscheinen, ist Staffel 5 weit von einer Katastrophe entfernt. Man bekommt die Story einigermaßen stimmig zu Ende erzählt, man sieht die Charaktere und die Welt gern wieder und kann stellenweise mitfiebern.

„Stranger Things“ war anfangs eine nostalgische jugendliche Abenteuerserie, die von ihrem unglaublichen Erfolg übermannt und größer wurde, als man je geglaubt hätte. Trotz zahlreicher Makel und Produktionsprobleme über die Jahre (Schauspieler ohne gemeinsame Drehzeit, Schauspieler, die zu schnell altern, zu viel Abstand zwischen den Staffeln) konnte die Fanbase stetig erweitert und bei der Stange gehalten werden (trotz einiger fragwürdiger Handlungsstränge), so dass die Serie zu einem Phänomen bei Nostalgikern, jungen Erwachsenen und Vielen dazwischen wurde. Das ist bemerkenswert. „Stranger Things“ war dennoch nie die Überserie, nie auf „Breaking Bad„-Niveau, nie auf „The Sopranos„-Niveau, nie auf früherem „Game of Thrones“-Niveau. Insofern kann man dies auch nicht von einer finalen letzten Staffel erwarten, die letztlich vieles zeigt, was bereits die vorherigen Staffeln ausmachte und – zumindest in den großen Momenten – einigermaßen richtig liegt. Dabei blicken die Macher – die Duffer Brothers – auch nochmal nostalgisch zurück auf die letzten 10 Jahre und versuchen den Abschluss so zu gestalten, wie sie glauben, dass die Zuschauer es gern sehen wollen würden. Und genau das reicht vielleicht am Ende auch und passt perfekt in unsere heutige Zeit, die häufig den Remix der Originalität vorzieht, im Mainstream selten mutig ist und in Greenscreen-Welten aufgehen kann. Insofern ist „Stranger Things“ nicht die beste Serie der letzten 10 Jahre, aber eine der beliebtesten, prägendsten und meistgeschauten. Und das sagt doch einiges aus. So oder so: Das Ende ist folgerichtig und passt zur Serie. Wirklich gut ist es aber nicht.

Allgemein möchte ich „Stranger Things“ empfehlen, aufgrund des Vibes, des gelungenen Genremixes und der wirklich spannenden Hauptstory sollte man die Serie gut bingen können. Eine Serie, die gleichzeitig nostalgisch sein möchte und Jugendliche gut in den Mittelpunkt stellt, ist schließlich nicht allzu häufig. Doch erwartet keine Überserie, obwohl „Stranger Things“ ein Phänomen seiner Zeit war und auch einige Highlights zu bieten hat, war die Serie nie fehlerlos oder überragend. Es gab immer ein Aber. Doch das ist okay.

80/100
Total Score
Nach oben scrollen