„Something very bad is going to happen” ist eine mutige und verdammt blutige Psychohorror-Miniserie, die visuell beeindruckend zahlreiche Horrormotive aufnimmt und durch die Mangel dreht. Die bedrückende Atmosphäre, in der eine junge Frau ihren Freund in einer Woche heiraten soll, aber erst noch seine Familie kennenlernen muss, ist stets spürbar und macht die Show zu einem Vertreter des „female reality horrors”. Obwohl ich nicht jede Entscheidung teile, einige Plotpunkte stärker als andere sind und die Miniserie in der Mitte ein wenig zu lang ist, war ich überwiegend gefesselt und positiv überrascht.
Die 8-teilige Horrorminiserie hat mich seit langem mal wieder völlig kalt erwischt und positiv überrascht. Dabei musste ich mich kurz überwinden sie anzuschauen, weil ich kein Fan von (Jumpscare-)Horror bin und mich die ewig gleichen Bilder aus den dunklen Wäldern und den im Haus versteckten Horrorgestalten eher langweilen. Doch auf das, was mich dann erwartete, war ich nicht vorbereitet. Und Jumpscares gibt es glücklicherweise nicht viele, sie werden eher pointiert eingesetzt.
Die Geschichte beginnt mit Rachel (Camila Morrone, The Night Manager”), die ihren Freund Nicky (Adam DiMarco, „The White Lotus”) in einer Woche in der gruseligen Winterhütte seiner Familie irgendwo im Nirgendwo heiraten möchte. Bereits auf der Fahrt dahin erleben die beiden kleine Albträume und speziell Rachel hat das Gefühl in großer Gefahr zu sein. Leider lässt das nicht nach, nachdem sie Nickys Familie trifft. Denn diese ist komisch, mag sie nicht und wirkt fast wie aus einem Resident Evil Teil. Zudem wirken sie zum Teil arg überzeichnet (Portia). Nachdem man in Folge 2 nur „LAUF” rufen möchte und sich fragt, was die gute Rachel noch da hält, stellt die Handlung danach alles auf den Kopf und verlässt allzu eingetretene Pfade. Ein gelungener Kunstgriff, um die Serie spannend zu halten, mit dem allerdings viele offenbar ein Problem hatten. Das Erzähltempo ist in der Mitte der Serie vielleicht ein wenig zu zäh, aber dennoch gelingt eine enthüllungsreiche, visuell hammerharte 4. Folge, eine großartige Dinnerparty in Episode 5 und eine überragende Plansequenz in der 7. Folge. Das Ende liefert visuell komplett ab und führt die Geschichte zu einem passenden Ende.
Visuell, inszenatorisch und musikalisch wurde ich in eine Welt hineingezogen, die schnell ihre eigene Identität entwickelt. Dabei hilft eine hypnotische Topleistung von Hauptdarstellerin Camila Morrone, die in vielen langen Plansequenzen gemeinsam mit dem anderen Cast zeigen kann, was sie schauspielerisch drauf hat. Zudem habe ich mich natürlich über Ted Levine („Monk”) und Zlatko Buric („Copenhagen Cowboy”) gefreut. Jede der Regisseurin beweist ein feines Gespür für Symbolik und ausdrucksstarke Bilder, die mit einer stets dynamischen Kamera stilsicher eingefangen werden. Die Musik ist treibend, erinnerte mich an Raffertie von „The Substance” und untermalt die Atmosphäre gekonnt.
Weil meine Rezeption und die Mainstream Meinung auseinanderdriften, versuche ich mich an einer Erklärung dafür: Online liest man viel davon, dass es zu viele lose Enden gibt und man angeblich unnötig auf falsche Fährten geführt wird. Ich kann diese Auffassung nur sehr bedingt teilen. Denn das meiste ergibt Sinn, man muss ihn nur finden und verstehen. Die Serie arbeitet mit viel Symbolik, Metaphern und Vergleichen. Fast alles kann man auf Rachels Situation beziehen, wenn man ein wenig darüber nachdenkt oder aufmerksam zuhört. Hinzu kommt, dass die Handlung häufig nur Dinge andeutet (die Kiste in Folge 1 z.B.), was Zuschauern sauer aufstößt. Aber ich möchte ein Plädoyer für vage Andeutungen halten und gegen den Hang zum Hörspiel, den heutige Produktion gerne mal haben, damit man sie problemlos am second screen verfolgen kann. Man muss nicht alles auserzählen, man muss nicht alles für die Zuschauer buchstabieren. Manchmal reicht es völlig mit dem Finger auf etwas zu zeigen, was man interpretieren kann. Vielleicht bin ich da aber auch anders gestrickt, weil ich David Lynch Filme mag, die 2000 mal mehr andeuten und interpretiert werden wollen, als diese Miniserie. Ich verstehe aber, dass Anspielungen im heutigen Horrorgenre seltener vorkommen und sich deswegen für einige fehl am Platz anfühlen. Leider. Außerdem wird sich über angeblich ziellose Dialoge beschwert. Auch das kann ich nicht teilen. Viele der Dialoge zeigen sehr gut, wie sehr Rachel sich für ihren künftigen Ehemann und dessen Familie verbiegen muss, wie sehr sie darunter leidet und dass sie dennoch das Gefühl hat es tun zu müssen. Für manche mag dieser feministische Ansatz in einer Horrorserie wohl auch fehl am Platze sein, ich empfand es als erfrischend und möchte die Miniserie in dieser Hinsicht mit dem – aus meiner Sicht gelungenen – „Men” von Alex Garland vergleichen.
Natürlich fand ich auch nicht alles überragend. Teilweise ist es mir etwas zu klischeehaft und ich hätte die Familie des Bräutigam etwas weniger absurd gestaltet. Dazu kommt, dass ich nicht zwingend „Team Flüche” bin und dass die Mitte leicht langatmig gerät. Doch das ist alles absolut verschmerzbar und es bleibt bei kleineren Makeln. Denn letztlich war ich gefesselt und seit langem nicht mehr so daran interessiert eine Serie schnell weiterzuschauen. „Something very bad is going to happen” zog mich in ihren Bann. Executive Producer sind übrigens die Duffer Brothers, die Serie ist trotzdem nicht zwingend etwas für Fans von „Stranger Things”.
Die Miniserie wird von populären Websites wie IMDb viel zu negativ bewertet. Fans von psychologischem Horror oder auch feministischem Horror, wie „The Substance” kommen voll auf ihre Kosten, ansonsten sind auch Dramafans, die eine durchdachte Inszenierung schätzen, jederzeit willkommen. Doch vorsichtig, manchmal gruselt man sich und es wird blutig. Dennoch möchte ich den Geheimtipp breitflächig empfehlen. „Something very bad is going to happen” mag einen herausfordern, aber es lohnt sich. Traut euch (ob auch am Altar dürft ihr dann entscheiden). Und hört auf keinen Fall schon nach Folge 2 auf!



