Heweliusz – Titanic trifft Gerichtsdrama. Wer war schuld? Review Miniserie

„Heweliusz” ist eine polnische Historiendrama-Miniserie, die sich mit dem realen Untergang der Fähre Jan Heweliusz im Januar 1993 und der Aufarbeitung der Schuldfrage befasst. Denn an dem möglichen Fehlverhalten von Behörden, Reederei oder der Crew hängen so viele andere Schicksale: Stichwort Entschädigungen und Verantwortung. Somit treffen Unglücksbilder eines Schiffsuntergangs, wie bei „Titanic”, auf ein knallhartes Gerichtsdrama mit viel Korruption.

Die 5-teilige Miniserie erzählt auf verschiedenen Zeitebenen vom Untergang und der Zeit danach. In einer aufklärenden, starken letzten Folge wird letztlich das Puzzle zusammengesetzt. Ohne Exposition startet die 1. Folge temporeich. Es soll nachts ein Schiffsunglück der Frachtfähre Jan Heweliusz mit über 60 Menschen an Bord gegeben haben, der nicht diensthabende Kapitän wird aus dem Bett geschmissen und in die Einsatzzentrale gebracht, während die Rettungsmaßnahmen in der Ostsee noch laufen. In Aufnahmen, die an „Titanic” erinnern, werden nachts mit einer (etwas zu viel) wackelnden Kamera Teile der Ereignisse gezeigt. Das Schiff gerät in einen Orkan und bekommt Schieflage, setzt einen „Mayday” ab, es soll evakuiert werden, Chaos bricht aus und durch die Neigung der Fähre über 70 Grad ist es schwer, die Rettungsboote zu besteigen. Einige Mitglieder der Crew schaffen es in Rettungsinseln, Helikopter und andere Schiffe sind an der Rettung beteiligt, bei der noch einiges schief geht. Doch insgesamt können 9 Crewmitglieder gerettet werden, die in deutschen Krankenhäusern behandelt werden. 

Danach widmet sich die Serie den Folgen der Katastrophe. Dabei wird schnell deutlich, dass das Inhaber-Unternehmen der Heweliusz zwar ganz genau wusste, wie problematisch das Schiff war, weil es schon vorher zu zahlreichen Unfällen gekommen war, aber nur am Selbsterhalt interessiert ist. Wenn man die Schuld der Crew zuschieben könnte, würde die Versicherung zahlen und nicht der Staat Polen selbst (dem das Unternehmen gehört) müsste Entschädigungen zahlen. Gleichermaßen werden auch die Hinterbliebenen der verstorbenen Seemänner gezeigt, die wiederum mit dem fehlenden Gehaltsausfall, ausbleibenden Entschädigungen und sogar Regressforderungen konfrontiert werden. In diesen Morast der Korruption wird auch der nicht diensthabende Kapitän hineingezogen, dem eindringlich der Kopf gewaschen wird alles für das Unternehmen zu tun, der jedoch auch nicht seine ehemaligen Kollegen entehren möchte – somit ermittelt er als Beisitzer in der Gerichtsverhandlung, die allerdings nicht fair erscheint.

Nachdem der Anfang temporeich mit eindrucksvollen Wasserszenen (die nicht ganz so glaubwürdig aussehen wie in Vergleichswerken, aber dennoch gut sind) einer Katastrophe gelingt, braucht es in der Mitte etwas, um den roten Faden zu finden. Beispielsweise wirken die Szenen im deutschen Krankenhaus oder einige zu lange Schlaglichter auf bestimmte Familien etwas seltsam. Doch wenn die Gerichtsverhandlung am Horizont lauert und man in den Gerichtssaal eintaucht, dann ist die Miniserie spannend und interessant. Besonders wenn sich die Untergangsszenen der Nacht und die Szenen im Gerichtssaal abwechseln, brilliert die Serie und kulminiert in einer bitteren, auflösenden und interessanten letzten Episode.

Nicht alle Schauspieler und ihre Dialoge sind großartig, nicht alle Handlungsstränge hätte man in dieser Breite gebraucht, doch „Heweliusz” ist dennoch eine sehenswerte Serie über ein Unglück, dass wohl auch heute noch in Polen diskutiert wird und zahlreiche weitere Gerichtsverhandlungen noch sich zog. Eine relevante Serie, die zum Nachlesen bei Wikipedia einlädt. Wikipedia stellt die Ereignisse allerdings etwas anders dar als die Serie, insofern bin ich nicht so sicher, wie sehr die Netflix Miniserie Verschwörungstheorien aufgreift oder tatsächlich besser recherchiert ist als Wikipedia. Ich fand die Geschichte, wie sie die Serie präsentiert, allerdings besser, interessanter und spannender.

„Heweliusz” ist sowohl etwas für Fans des Historiendramas, Begeisterte von (realen) Katastrophen auf See und den damit verbundenen Wasserszenen, als auch für Interessenten von Gerichtsdramen, bei denen die menschlichen Einzelschicksale nicht zu kurz kommen und die Korruption vorherrscht. Ich war weitgehend gut unterhalten, speziell im hinteren Abschnitt ordentlich wütend und am Ende etwas resigniert. Trotz einiger Makel möchte ich die recht unbekannte polnische Serie deswegen durchaus empfehlen. Die Serie gibt es auf deutsch synchronisiert bei Netflix.

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