„Harry Hole” ist eine norwegische Krimiserie, in der gleich zweieinhalb Kriminalfälle von einem brillanten, aber auch traumatisierten Kommissar gelöst werden müssen. Die Serie ist stimmungsvoll und kreativ inszeniert, überraschend hart und skrupellos. Drehbuch und Erzähltempo können manchmal nicht ganz mithalten, aber allgemein ist die Serie unterhaltsam. Jo Nesbø, auf dessen Buch „Das fünfte Zeichen” die Netflix-Serie basiert, ist eng mit der Serie verbunden.
Netflix verfilmt zuerst das 5. Buch der mittlerweile 13-teiligen Harry Hole Reihe. Doch das wird genutzt, um mit einem Knall einzusteigen und danach einen guten Kriminalfall zu erzählen. Der späte Einstieg ist somit kein Problem. „Harry Hole” (Tobias Santelmann) ist ein eigenwilliger Cop, der gerne mal Grenzen überschreitet, aber moralisch stets das Richtige tun möchte. Er erinnerte mich an Harry Bosch, den Nesbø tatsächlich auch als Hauptinspirationsquelle nannte. Zu Beginn stürzt ihn eine persönliche Krise (erneut) in die Alkoholsucht, doch der Fall eines Serienmordes bringt ihn zurück zur Arbeit. Einige Frauen werden ermordet, Schmuck in Pentagrammform bei ihnen gefunden. Handelt es sich um einen rituellen Serienmord? Bei diesem Fall kann man mitraten, ein weiterer Fall wird im Vorbeigehen aufgeklärt. Doch parallel muss Harry noch intern gegen einen Kollegen ermitteln, wobei von Anfang an klar ist, wer der Täter ist. Somit ist „Harry Hole” eine interessante Mischung aus Whodunit und persönlicher Rivalitäten-Geschichte. Ein Geniestreich ist die Besetzung von Joel Kinnaman („The Killing US”, „Altered Carbon”, der überraschend in dieser norwegischen Produktion auftaucht und sie deutlich aufwertet. Aber auch ansonsten kann die Serie mit ihrem Darstellerensemble punkten.
Die 9-teilige erste Staffel setzt auf klassische Themen des Nordic Noir, speziell den knurrigen, problembelasteten Ermittler mit traumatischer Vergangenheit, spart aber den Schnee, die Kälte und das Düstere zugunsten von hitzigen 30 Grad in Oslo ein. Ein Kniff, der durchaus gelingt. Besonders gut gefiel mir die Inszenierung. Immer wieder gibt es schöne Ideen eine Szene aus einer ungewöhnlichen Kameraperspektive zu erzählen, auch der Sinn für markante Bilder ist der Regie jederzeit anzumerken. Zudem ist sie überraschend hart. Mal werden Körperteile abgetrennt und das Blut spritzt nur so – manchmal sogar auf die Kameralinse, manchmal wird Personen aus nächster Nähe in den Kopf geschossen, mal gibt es eine große Blutlache. „Harry Hole” ist konsequent und nichts für schwache Nerven.
Das Erzähltempo ist zu Beginn hoch, die Serie startet mit einem Knall und wählt ein gutes Setup. Danach gibt es eine kurze Findungsphase bis der Serienmordfall ab Folge 5 richtig Fahrt aufnimmt. Die letzten zwei Folgen sind pure Spannung und auch der Showdown im Finale ist überaus gelungen. Zuvor kann man sich einige Logikfragen stellen, z.B. rund um Harrys Umgang mit seinem Maulwurf Kollegen, sein Vernachlässigen des Handys in wichtigen Momenten oder seine völlige Unkenntnis des Pentagramms. Die ganze satanische Storyline wirkt genau wie die rund um einen maskentragenden Geheimbund doch leider etwas altbacken. Dennoch überzeugt zumindest die Auflösung von einem der beiden Themen.
Zusammenfassend möchte ich „Harry Hole” allen Krimi- und Thrillerfans empfehlen. Die starke Inszenierung wertet eine Serie auf, die manchmal im Tempo und Drehbuch kleinere Mängel aufweist. Doch die Konsequenz, ein starkes Darstellerensemble mit großartigem Antagonisten und ein aufregendes Ende sorgen dafür, dass ich die Serie in ihrem Genre vollumfänglich empfehlen kann.



