„Happy Valley” ist ein britisches Krimidrama, bei dem der Fokus mehr auf dem Leben der Kommissarin liegt als auf den Kriminalfällen. Zum Miträtseln ist die Serie nichts – den/die Täter kennt man früh –, doch umso mehr zum Mitfiebern. Denn die dargestellten Themen sind fies, es gibt zahlreiche schwierige, emotionale Gespräche und auch vor Brutalität und Konsequenzen schreckt die Serie nicht zurück. Sie erinnert dabei an nordische Neo Noir Krimis, doch das Familiendrama steht noch mehr im Zentrum. Überraschenderweise erzählen alle 3 Staffeln eine zusammenhängende Geschichte und widmen sich nicht stur neuen Fällen.
Catherine (Sarah Lancashire) ist Polizistin im Norden Englands und dafür bekannt, sich voll in die Arbeit zu stürzen. Dort wird sie mit der Entführung einer jungen Frau konfrontiert. Doch die Vergangenheit lastet schwer auf Catherine und sie weiß anfangs noch nicht, dass der neue Fall und ein alter zusammenhängen. Denn Tommy (James Norton), der Vergewaltiger ihrer Tochter, kam vor Kurzem aus dem Gefängnis frei und stürzt sich sofort wieder in kriminelle Machenschaften. Catherine ist darüber bestürzt, denn ihre Tochter beging in Folge der Vergewaltigung Selbstmord, allerdings erst nachdem sie ihren Sohn zur Welt brachte: Das Ergebnis der Vergewaltigung. Catherine sorgt sich als einzige um den mittlerweile 9-jährigen Jungen und ihre Sorgen werden größer, dass Tommy Kontakt zu ihm aufnehmen könnte. Etwas Hilfe erhält sie von ihrer ehemals drogen- und alkoholabhängigen Schwester (Siobhan Finneran). Nach einer ersten expositionsreichen Episode nimmt die Handlung schnell Fahrt auf und schockiert bereits in den mittleren Folgen.
Die Serie umfasst 3 Staffeln, die jeweils 6 Episoden enthalten. Die ersten beiden Staffeln schließen fast unmittelbar aneinander an, die 3. und finale Staffel folgte 7 Jahre später. Überraschenderweise bleibt Tommy die ganze Zeit lang der Antagonist der Serie (wie in „The Fall”, nur anders). Seine Verbindung und sein Hass auf Catherine bleiben zentrales Thema, genauso wie der Umgang der Familie mit dieser lauernden, stets gefährlichen Vaterfigur, die Kontakt zu seinem Sohn sucht. Die 2. Staffel fokussiert sich stärker auf einen eigenen Kriminalfall, die 3. Staffel konzentriert sich völlig darauf, wie Catherine von ihrer Familie hintergangen wird und Tommy Kontakt zu seinem nun 16-jährigen Sohn hat – der Kriminalfall tritt in Staffel 3 völlig in den Hintergrund.
„Happy Valley” ist ein Krimidrama mit einigen starken Höhepunkten, die sich allerdings vor allem im Familiendrama-Bereich in Form von harten, intensiven Gesprächen abspielen. Auch die ungewöhnlich fiesen Konsequenzen gefielen mir sehr gut. Denn die Serie ist definitiv nichts für schwache Nerven oder Freunde von „Berieselungs-Krimis”, die erschreckend leicht und locker mit den Themen Mord, Vergewaltigung, Entführung und Co. umgehen. „Happy Valley” ist der Gegenentwurf, die Handlung konterkariert den Titel. Den hohen Dramafokus muss man allerdings mögen, der Krimiteil fällt durchgängig etwas ab (speziell in Staffel 3). Ermittelt wird wenig, alle aus Catherine scheinen ohnehin extrem unfähig. Ich mochte aber das Familiendrama. Leider kann ich über ein Problem allerdings nicht hinwegsehen. In jeder Staffel gibt es eine große Dummheit, an der ich große Zweifel an der Logik und dem Realismus des Gezeigten bekommen habe. Ich möchte es nicht spoilern, aber teilweise sind Entscheidungen wirklich haarsträubend, naiv und dämlich. Dadurch wirkt die Handlung an diesen Stellen sehr konstruiert und zurechtgebogen. Man will eine bestimmte Situation erschaffen, denkt aber nicht richtig darüber nach, wie man sie sinnvoll kreiert, sondern nimmt den schnellsten Weg. Das ist enttäuschend.
Die Staffeln sind alle auf einem ähnlichen Niveau. Der Krimianteil ist in den ersten beiden Staffeln deutlich stärker, das Familiendrama entfaltet sich in der finalen Staffel sehr gut. Mir gefiel dennoch die 1. Staffel am besten. Inszenierung und Produktion sind solide, die Darsteller sind überwiegend gut (vor allem Lancashire). Seltsam ist so manche Figurenentwicklung.
Die Serie glänzt mit vielen intensiven Gesprächen und großen Konsequenzen. Der Fokus liegt allerdings stets auf dem Familiendrama, es handelt sich nicht um eine klassische Krimiserie, obwohl die Hauptfigur Polizistin ist und ermittelt. Alle 3 Staffeln von „Happy Valley” lohnen sich. Ich mochte die Serie gern, habe aber leider in jeder Staffel Makel gefunden, die mich aus der Welt herausgerissen haben. Somit bleibt der Serie leider eine noch höhere Wertung verwehrt. Sie lohnt sich dennoch.



