Ich war beim European Series Day im Rahmen des Film Festival Cologne. Einiges war für mich komplett neu, einige Geschichten hochinteressant, anderes mir schon bekannt. Das Symposium war ein wilder Ritt durch Trends, Marktanalysen, Anekdoten, Produktionsabläufe und die Zukunftsfragen der Branche.
Die große Frage nach der europäischen Identität
Den Auftakt machte Cher Zimmerer (Film- und Medienstiftung NRW) mit einer Frage, die mich den ganzen Tag beschäftigt hat: Was ist eigentlich die Identität der europäischen Serie? Gibt es sie schon oder müssen wir sie erst erschaffen? Ihre Forderung: Mehr Mut zu internationalen Kooperationen. Ich hätte mir gewünscht, dass diese Frage noch häufiger im Verlauf des Tages aufgegriffen worden wäre. Meine persönliche Meinung dazu? Unsere Vielseitigkeit in Europa ist genau unsere Stärke! Wir müssen nicht alles in dieselbe Form gießen und krampfhaft Hollywood hinterherhecheln. Ich hätte aber gern mehr Meinungen dazu gehört.
Kamingespräch mit Christian Schwochow & die Sache mit der Originalität
Das Gespräch mit Christian Schwochow (Bad Banks, The Crown) war für mich ein absoluter Höhepunkt. Seine Anekdoten aus der Regie- und Produktionswelt waren extrem spannend. Eine Aussage von ihm hallte bei mir jedoch besonders nach: Originalität eines Stoffs wird in Deutschland oft nicht so sehr geschätzt wie im internationalen Ausland. Ein Problem, das ich bei vielen meiner eigenen Projekte leider auch immer wieder spüre.

Zahlen, Trends und… Krimis!
Siméon Mirzayantz (Glance) lieferte harte Fakten zum Markt: Der Krimi dominiert weiterhin alles. Neue Trends bewegen sich Richtung Umwelt- und Küchen-Dramen sowie Sportgeschichten. Auch Geschichten über Alltagshelden stehen häufiger im Fokus. Die Zahlen für Deutschland im TV und Stream waren allerdings ernüchternd, wenn auch wenig überraschend (Tatort auf Platz 1 im TV und auch die Top 10 auf Netflix war überwiegend ein kleines Trauerspiel).
Tiefere Einblicke in aktuelle Serienproduktionen – Hungry Staffel 2
Richtig unterhaltsam wurde es bei der Case Study zu Hungry mit Produzentin Bettina Wente und Schöpferin/Hauptdarstellerin/Drehbuchautorin Zoe Magdalena. Ich habe die 1. Staffel erst vor Kurzem gesehen und die Serie für ihre Authentizität und den Verzicht auf den moralischen Zeigefinger gelobt. Zoe Magdalena war im Interview ganz fantastisch: kreativ, unterstützend und mit einem grandiosen Gespür für Comedy (ihr TikTok-Witz war Peak!). Sie hat uns alle ermutigt für unsere eigenen Ideen einzustehen und konnte das Publikum mit ihrer Art begeistern.
BREITSCHEIDPLATZ 19/12 (ARD Mediathek)
Präsentiert von Produzent Simon Amberger und Regisseur & Drehbuchautor David Nawrath. Die Serie arbeitet den echten, tragischen Fall auf rund um Anis Amri auf und beleuchtet vor allem die Zeit vor dem Anschlag. Wie es dazu kommen konnte und wie hart die Behörden versagt haben. Laut den Machern wurde extrem viel Wert auf Realismus gelegt, was mir bei solchen Geschichten immer wichtig ist. Es klang sehr gut und packend. Kurioser Fact: Gedreht werden musste in Wien, weil es mit der NRW-Förderungen haperte. Ist ab jetzt in der Mediathek verfügbar und steht ganz oben auf meiner Liste!
THE DEAL WITH IRAN
Die hochaktuelle Geschichte eines in Belgien verhafteten iranischen Diplomaten, der gegen einen belgischen Staatsbürger ausgetauscht werden soll. Produzentin Ilse Schooneknaep zeigte, wie die Realität die Fiktion einholt. Ein extrem spannender Polit-Thriller, der beim Serienevent in Cannes den Preis als beste Dokuserie gewann. Hoffentlich wird die dreiteilige Miniserie bald für den deutschen Markt gekauft!
KI und der Blick in die Zukunft: Vertikale Micro-Dramen
Während Oliver Schüttes Vortrag über KI im Drehbuchprozess gut, wenn auch für mich nicht ganz neu war, gab es bei Sandra Lehner (TV-Futurist) etwas für mich ganz Neues: Vertikale Micro-Dramen. Kurze, fiktionale Serien fürs Smartphone, getrieben von aggressiver Monetarisierung und BookTok-Tropes (viel Soap, Romance, Gut gegen Böse). Inhaltlich oft viel schauspielerischer Trash, teilweise in China schon komplett KI-generiert – aber ein Markt, mit dem auch deutsche Player wie RTL2 (mit Berlin – Tag & Nacht-Test) experimentieren. Das abschließende Panel der Fernsehschaffenden war sich einig: Angesichts schwindender Budgets führt an Kooperationen kein Weg vorbei und auch den vertikalen Markt hat man im Blick.
Fazit
Der European Series Day war für mich persönlich ziemlich cool und absolut einen Besuch wert. Es tut gut zu sehen, wohin sich der Markt bewegt, auch wenn wir in Deutschland beim Thema „Mut zu neuen Stoffen“ definitiv noch eine Schippe drauflegen können.



