All Her Fault – Zu viel Zufall verwehrt der Miniserie eine Top-Bewertung. Review

„All Her Fault” ist eine Krimithrillerserie, die mit dem Albtraum jedes Elternteils beginnt: Das eigene Kind verschwindet, eine Entführung ist wahrscheinlich. Daraus entwickelt sich ein vielschichtiges Familiendrama, das jeden Stein der Vergangenheit umdreht und zu einigen schockierenden Erkenntnissen führt. Eigentlich ist die twistreiche und konsequente Story packend inszeniert, doch leider erschweren zu viele Zufälle und logische Schwächen das vollständige Eintauchen in die Geschichte. Schade!

Marissa (Sarah Snook, sehr gut) möchte ihren 5-jährigen Sohn von einem Playdate bei einer anderen Familie abholen, die sie in der Kita kennengelernt hat. Doch an der besagten Adresse wohnt keine Familie, sondern nur eine ältere Dame. Die Textnachrichten mit der Mutter Jenny (Dakota Fanning, auch stark) waren ein Fake und Marissa hatte die Nummer nicht überprüft. Detective Alcaras (Michael Peña) übernimmt den Fall, denn alles spricht für ein Verbrechen. Zunächst gerät die Nanny der reichen Familie unter Verdacht, dann Jennys Kindermädchen (Sophia Lillis, super). Doch wer und was genau steckt wirklich hinter diesem mysteriösen Entführungsfall? 

Die 8-teilige Miniserie beginnt furios. Die Prämisse ist spannend, die Darsteller (auch Jake Lacy als Ehemann) sind überwiegend gut, die bedrohliche Atmosphäre wird stark aufgebaut. Leider nimmt sich die Erzählung schon früh unnötige Pausen und leistet sich spürbare Längen. Es erschließt sich beispielsweise kaum, warum das Privatleben des Ermittlers kurzzeitig so stark in den Mittelpunkt rückt oder weshalb Jennys Familien- und Arbeitsalltag so viel Raum einnimmt. Das ist jedoch fast vergessen, wenn die intensive fünfte Episode beginnt: Sie ist inszenatorisch großartig und verhandelt tief sitzende Familientraumata. 

Doch direkt im Anschluss tritt das größte Problem der Serie zutage, das schon zuvor im Verborgenen lauerte: Kommissar Zufall übernimmt das Ruder und bringt seine Kumpels, das Logikloch und die irrationalen Charakterentscheidungen, gleich mit. Ohne zu viel zu spoilern: Spätestens ab Folge sechs überschlagen sich die Ereignisse zwar auf eine ziemlich coole Weise, allerdings muss man als Zuschauer beide Augen fest zudrücken und wohlwollend nicken, um nicht komplett aus der Handlung gerissen zu werden. Hier steht sich die Story mit einem riesigen Plotpoint selbst im Weg. Ein oder zwei Twists weniger hätten der Serie sichtlich geholfen, um das psychologische Trauma nach dem großen Reveal runder und aussagekräftiger zu Ende zu führen. 

So bleibt „All Her Fault” eine packende, stellenweise mitreißende Serie, die ihr Thriller-Handwerk definitiv versteht, sich am Ende aber selbst sabotiert. Der Fokus auf das „Mom-Shaming“ und der immense Druck auf berufstätige Mütter werden gekonnt eingeflochten, die Miniserie ist spannend inszeniert, das Ensemble spielt überzeugend. Doch leider fehlt die Glaubwürdigkeit. Wenn euch das nicht stört, bekommt ihr eine großartige Serie serviert. Alle anderen sehen eine Miniserie, die viel Potential verschenkt.

76/100
Total Score
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