Breitscheidplatz 19/12 – Wie verfilmt man einen realen Terroranschlag?

17 Monate bis zum Anschlag, 12 Monate, 6 Wochen… Die Zeit tickt unaufhörlich und die ständigen Zeiteinblendungen sorgen unerbittlich dafür, dass wir immer wissen, was wir hier genau anschauen: Denn „Breitscheidplatz 19/12” ist keine Heldengeschichte. Es ist eine Chronik über fatale Fehleinschätzungen, lähmende Eitelkeiten, mangelnde behördliche Kooperation und das fundamentale Versagen deutscher Sicherheitsorgane, den verheerenden Terrorangriff auf einen Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 2016 zu verhindern. Das Dokudrama orientiert sich stark an den gesicherten Fakten und füllt die Leerstellen aus. Dabei fühlt sich die 6-teilige Miniserie dem Genre des Thrillers verpflichtet. Obwohl die Hauptperspektive beim LKA Nordrhein-Westfalen liegt, wird über die Augen eines realen V-Manns überraschend viel von den Tätern und deren Radikalisierungsprozess offengelegt. 

Die Geschichte wirft uns zurück in eine dunkle Epoche europäischer Terroranschläge: das Stade de France und die Gräueltat im Bataclan in Paris, Thomas de Maizières legendär-beunruhigender Satz („Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern”) sowie das entsetzliche Lkw-Attentat von Nizza. Immer wieder erschüttern neue Terroranschläge Europa und das LKA NRW ist sich sicher, dass die Gefahr auch in Deutschland überaus real ist. Albrecht Schuch als Frank Laudin ist von der Bedrohung restlos überzeugt und hat mit Murat Cem (Tamer Trasoglu) eine hochkarätige Vertrauensperson tief in die salafistische Szene eingeschleust. Doch das BKA blockt ab, und auch mit den Kollegen vom LKA Berlin gestaltet sich die Zusammenarbeit als bürokratischer Albtraum. Der tragische Rest ist leider Geschichte. 

Über allem schwebt die Frage: Wie verfilmt man eine solche wahre Tragödie? Wie Netflix als oftmals reißerische Dokuserie? Glücklicherweise hat man sich für einen anderen Weg entschieden: Das Dokudrama, inszeniert, mit Schauspielern. Wie Regisseur und Co-Autor David Nawrath auf dem Film Festival Cologne (bei dessen European Series Day ich im Publikum sitzen durfte) skizzierte, wurde hierfür über Jahre hinweg penibel recherchiert, um die dokumentarischen Leerstellen dramaturgisch sinnvoll auszufüllen. Der Realitätsanspruch ist enorm hoch, weshalb der immense Fokus auf die Täterperspektive durchaus Diskussionsstoff bietet. Darf man die Radikalisierung von Anis Amri (Wael Alkhatib) so detailliert zeigen? Während fiktive Serienmörder-Formate wie die Netflix-„Monster“-Reihe das Publikum längst zu einem klaren „Ja“ erzogen haben, wiegt das Thema des politisch motivierten Terrors noch einmal schwerer. Auch die Entscheidung, das Ganze trotz des bekannten Ausgangs als klassischen Thriller aufzuziehen, ist ein bemerkenswerter Kniff. 

Ich kann die Miniserie durchaus empfehlen. Die Nachstellung ist akribisch, die fiktiven Figuren, speziell Isra (Bayan Layla), bereichern die Geschichte überwiegend. Die Täterperspektive ist düster und mutig, die Frustration der Hauptpersonen im LKA greifbar. Leider merkt man der Serie stellenweise ihr fehlendes Budget an. Darüber sprachen auch David Nawrath und Produzent Simon Amberger auf dem Filmfestival Cologne. Es konnte fast gar nicht in NRW gedreht werden, sondern man musste stattdessen in Wien drehen. Das war nach Aussage der beiden extrem schwierig in Wien diese hässlichen Ecken zu finden, die nicht zu viel vom Wiener Stadtbild preisgaben. Aber leider war es nötig: Aus finanziellen Gründen. In der ersten Hälfte spielt deshalb der größte Teil der Handlung in Innenräumen, in denen geredet wird. Ab und an steht man mal draußen vor einer Hauswand, die nicht viel hergibt. Das ist visuell bedauerlich, hat erzählerisch aber einen spannenden Nebeneffekt: Es zwingt den Fokus komplett auf den Inhalt und macht die lähmende Paranoia der Figuren fast noch spürbarer. Im zweiten, mehr in Berlin angesiedelten Teil bricht die Serie dieses Korsett zwar etwas auf, bleibt im Kern aber ein dialoggetriebenes, intensives Kammerspiel. 

Handwerklich und schauspielerisch ist dieses Mammutprojekt, an dem die Beteiligten ganze sieben Jahre lang gearbeitet haben, absolut zu loben. Die Inszenierung holt das Maximum aus den Budget-Einschränkungen heraus. Was mir hingegen missfiel, war der krampfhafte Versuch, auf den letzten Metern noch eine emotionale Opferperspektive einzubauen. Speziell das verliebte Pärchen wirkte deplatziert und wie ein Fremdkörper in der ansonsten so sachlichen Chronologie. Auch beim eigentlichen Anschlag im Finale machen sich die finanziellen Grenzen leider deutlich bemerkbar. Dennoch bin ich froh, dass diese Serie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat: Sie ist mutig, ungemütlich, hochinteressant und deckt die Missstände der deutschen Sicherheitsarchitektur auf. Eine Prozentbewertung fällt schwer, aber ich habe es dennoch versucht.

78/100
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