Die koreanische Drama-Thriller-Serie „Bargain” ist ein echter Geheimtipp für Cineasten und Freunde von One-Shots („Adolescence”). Ohne Schnitte (ein paar gibt es versteckt) wird man in die Unterwelt Südkoreas hineingezogen, in eine dreckige, brutale Welt von Menschen- und Organhandel. Nach einem großen Knall am Ende einer intensiven 1. Episode steht nur noch das Überleben im Vordergrund.
Am besten ist es, wenn man von Bargains Geschichte so wenig wie möglich weiß und sich überraschen lässt. Doch Obacht, die Themen sind fies und es wird blutig. Zu Beginn trifft die junge Park Ju-young (Jeon Jong-seo, „Burning”) in einem Hotelzimmer einen möglichen Freier (Jin Seon-kyu, „Kingdom”, der ihre Jungfräulichkeit erkaufen möchte, aber Zweifel an ihrer Geschichte hegt. Bald darauf wird die Geschichte allerdings viel größer und noch viel zynischer, blutiger und fieser.
Das große Faustpfand der Serie ist ihre Machart. Alle Folgen zusammen fühlen sich wie ein großer, langer One-Shot, eine Plansequenz ohne jegliche Schnitte an. Es gibt zwar ab und an bei Szenenwechsel ein paar versteckte Cuts (wie bei „Birdman”), doch die Sogwirkung entfaltet sich dennoch mühelos. Alles wirkt ungleich intensiver und authentischer, die Schauspieler müssen wirklich Arbeit verrichten und sich nicht nur im Schuss-Gegenschuss Worte zuwerfen. Das gibt der ohnehin bedrückenden Atmosphäre das gewisse Etwas. Wie schon bei „Adolescence” gelingt das auch bei „Bargain” überragend – vorausgesetzt man kann damit etwas anfangen. Einigen ist diese Machart einfach zu anstrengend und intensiv, zudem schließt sie jeglichen Second Screen Konsum aus. Aber eigentlich sollte es doch kein Malus für eine Serie sein, wenn sie einen besonders stark hineinzieht und die volle Aufmerksamkeit einfordert, sondern ein Punkt auf der Pro-Seite.
Thematisch erinnerte mich die Serie an eine Mischung aus „Squid Game” (oh Wunder) und „der Schacht”. Denn der vertikale Überlebenskampf steht im Vordergrund, stets wird nach oben geblickt, wo man die rettende Sicherheit erwartet. Zudem fehlen gänzlich Sympathiefiguren, jeder Charakter ist fehlerhaft und manchmal sogar ziemlich wahnsinnig. Im Bereich des Organhandels und der Rache dachte ich an Sympathy for Mr. Vengeance. „Bargain” bedient sich demnach bei koreanischen (modernen) Klassikern und nutzt durch die Nutzung von Plansequenzen eine eher westliche Bildsprache. Eine großartige Idee, die komplett aufgeht. Visuell setzt man auf viel Dunkelheit, entsättigte Bilder und eine dreckige Optik, die sehr passend zum Inhalt ist. Die Kulissen sind top, das Hotel wirkt durchaus echt. Auch die Spezialeffekte sehen überraschend solide aus.
Ein paar Makel gibt es allerdings. Letztlich ist der Weg das Ziel, manchmal wirken einige Sequenzen etwas redundant, speziell im Mittelteil, was zu leichten Längen fühlt. Leider sind auch nicht alle Schauspieler auf dem Topniveau von Jeon Jong-seo. So ganz greifbar und nachvollziehbar sind manche Charakterentscheidungen zwar nicht und die Idee zum Ausbruch negiert vieles Vorheriges. Aber das Ende gefiel mir wieder sehr gut und macht Lust auf eine Fortsetzung.
„Bargain” wurde mit seinem schwachen IMDb-Rating komplett abgestraft, bekam allerdings Serienpreise aus Cannes und auch vom deutschen Seriencamp. Der Mainstream kommt mit den schweren Themen, der intensiven (oder negativ: „anstrengenden”) Machart und den fehlenden Sympathieträgern offenbar nicht so gut klar, erwartete vielleicht etwas mehr in Richtung „Squid Game”. Fans von Plansequenzen, Cineasten und Interessierte, die gerne Serien schauen, die sich vom sonstigen Einheitsbrei deutlich abheben, entdecken mit „Bargain” ein kleines Juwel – auch wenn es nicht makellos ist. Ich möchte die 6-teilige Miniserie mit einer Gesamtlaufzeit von etwa 200 Minuten vollumfänglich empfehlen.



