„Unfamiliar” ist eine deutsche Agententhriller-Serie, die recht amerikanisch wirkt und ihre Spionage- sowie Actionelemente mit einem Familiendrama verbindet. Offenkundiges Vergleichswerk ist „The Americans”, „Unfamiliar” ist allerdings weniger soapig und auch nicht so gut und nachvollziehbar geschrieben. Leider wirkt die Story an einigen Stellen überfrachtet und teilweise muss man sich die Logik sehr zurechtbiegen. Doch auch wenn die meisten Twists lange vorhersehbar sind, gelingt ein überwiegend temporeicher, teils spannender Thriller mit ein paar guten Actionsequenzen, der aber nicht immer clever ist.
„Unfamiliar” ist bereits ungewöhnlich, weil deutsche Agenten im Mittelpunkt stehen. Der BND mit echten Agenten im Außeneinsatz! Während CIA, MI6, KGB/FSB und andere Geheimdienste stets fähige Agenten hervorbringen, ist die deutsche Variante doch seltener Gast auf den Bildschirmen. Das Ehepaar Schäfer, Meret (Susanne Wolff) und Simon (Felix Kramer), haben ihre Agenten-Tätigkeit beim BND 16 Jahre zuvor aufgegeben, weil in Belarus etwas gehörig schief ging und sie sich fortan um ihre Tochter kümmern wollten. Doch natürlich holt sie die Vergangenheit ein und der Mann der designierten russischen Botschafterin in Deutschland (Samuel Finzi) möchte sie nun aufspüren und ermorden lassen. Dafür engagiert er auch noch Auftragskiller Jonas (Andreas Pietschmann), der natürlich auch noch irgendwie persönlich in die Sache verwickelt ist. Das alles führt zu einem Katz-und-Maus-Spiel, bei dem jeder jeden töten möchte.
Wie logisch und realistisch alles ist, kann jeder von Beginn an für sich entscheiden. Das Setting der BND-Agenten in Berlin wirkt erstmal seltsam, genauso wie die russische Botschaftergeschichte ohne den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zu erwähnen. Das deutsche Setting fühlt man nur selten, was vielleicht auch darin begründet liegt, dass der Schöpfer und Hauptautor der Serie Brite ist. Die Produktion der Serie ist allerdings gelungen, die Inszenierung ist meist gut, die Actionsequenzen haben Tempo, auch wenn sie manchmal etwas arg zerschnitten wirken. Dennoch gibt es immer wieder einige gute Ideen und auch der Spannungsaufbau der Geschichte gelingt. Die Darsteller sind überwiegend solide.
Nach einem interessanten Beginn nimmt sich die 6-teilige 1. Staffel in der Mitte eine kleine Pause, in der sich das Ehepaar lieber mit Fragen rund um ihre Tochter, Geheimnisse und Affären herumschlägt, statt aktiv dafür zu sorgen, dass sie ihrem Killer auf die Spur kommen. Ab und an muss man ein oder auch beide Augen zudrücken, um die Logik nicht zu sehr zu hinterfragen (Schusslinien, der ganze Marrakesch Subplot, Aneurysma-Kram, wem vertraut wird, die fast völlige Abstinenz der Polizei trotz Ballereien), oder sich die Ohren zuhalten, wenn ein bisschen cringe geredet wird: „Sie ist eine Macherin!”. Aber das fällt letztlich nicht allzu negativ ins Gewicht.
„Unfamiliar” ist eine gut produzierte, deutsche Agentenserie, die weder an das internationale Vorbild „The Americans” noch an das deutsche Vergleichswerk „Deutschland 83/86/89” heranreicht. Wenn man die Drehbuchmakel ausblenden kann, erwartet einen eine schöne Mischung aus Familiendrama und Agentenserie, die weitgehend unterhaltsam ist. Der große Wurf ist es allerdings nicht geworden. Ob man das Cliffhanger-Ende mag, das sehr offen mit einer Folgestaffel kokettiert, dürfte subjektiv sein.



