„His & Hers” ist eine Netflix Thrillerserie mit Mysteryelementen und einem starken Ensemble im „Whodunit-Prinzip” – man soll die ganze Zeit miträtseln, wer der Killer ist. Die Handlung zeichnet auch mittels Rückblenden ein breites Bild ihrer Charaktere über Jahre, legt viele falsche Fährten und gipfelt in einem glorreichen, twistreichen sowie schockierenden Finale! Leider ist der Weg dahin beschwerlich, denn nach einem interessanten Auftakt dümpeln die Folgen 2-4 etwas dahin, bis die letzten beiden Episoden und speziell die letzten 20 Minuten die ersehnte Belohnung einbringen. Der lange Atem lohnt sich allerdings!
Die Geschichte der 6-teiligen Miniserie „His & Hers” (Adaption, gleichnamiger Roman von Alice Feeney), ihr Titel und ihre ganze Aufmachung waren für mich zunächst etwas irreführend. Ich hatte eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln, ähnlich wie z.B. „The Affair”, vielleicht eines Paares erwartet. Stattdessen bekommt man eine zunächst klassisch anmutende Krimigeschichte serviert, die aber schnell eigene Wege geht. In einem kleinen Ort außerhalb von Atlanta, USA, gibt es einen Mord an einer Frau. Schnell ermittelt der einheimische Detective Jack Harper (Jon Bernthal, „The Bear”, „The Walking Dead”) in dem Fall, seine Partnerin ist die aus Boston stammende Priya (Sunita Mani, „Scavengers Reign”, „Glow”). Doch damit nicht genug, denn die Hauptperson ist Anna (Tessa Thompson, „Westworld”), eine Journalistin, die eigentlich in Atlanta Nachrichtensprecherin ist, aber nach einer Auszeit bei ihrem Sender nur wieder als Außenreporterin einsteigen kann. Natürlich bringt sie der Mordfall zurück in ihre Heimatstadt und sie berichtet fortan über den Fall. Doch es wird noch besser: Jack und Anna kennen sich nicht nur sehr gut aus der Vergangenheit, sondern sie waren auch beide am Tatort in der Nacht des Mordes! In der Folge versucht Jack unter allen Umständen die Ermittlungen zu sabotieren, während Anna alles in die Wege leitet, überall aneckt und Feuer legt, um durch diese News-Story ihre Karriere anzukurbeln.
Das ist das erste größere Problem der Miniserie. Die beiden Hauptcharaktere sind unsympathisch. Zwar erklärt eine tragische Geschichte aus der Vergangenheit (Triggerwarnung Kindstod), dass sie emotional kaputt sind, aber es ist anstrengend, diesen Unsympathen bei der steten Sabotage zuzusehen. Jack befürchtet selbst zum Hauptverdächtigen zu werden, so dass der klassische Krimiteil auf Mördersuche eher frustrierend anzusehen ist. Er behindert die Ermittlung, Priya kommt ihm langsam auf die Schliche, hier gibt es wenige Überraschungen. Annas Motive sind selbstsüchtig. Obwohl die Charaktere im Verlauf der Handlung mehr Tiefe erhalten und primär die Rückblenden in die Schulzeit die Spannung schüren, ist es schwer mit diesen Figuren mitzufiebern. Zudem gibt es einige recht dümmliche Szenen, wo leichtgläubige Leute allzu einfach ausgetrickst werden und der Zufall etwas mitspielen muss. Diese Logikprobleme und das fehlende Gespür für Raum und Zeit zeigen sich leider auch im eigentlich coolen Showdown zu Beginn der 6. Episode. Zudem gibt es anfangs ein paar komische Comedy-Einlagen, die glücklicherweise im späteren Verlauf komplett aufgegeben werden.
Positiv ist von Beginn an der Cast. Tessa Thompson, Marin Ireland („Sneaky Pete”) und Sunita Mani sind stark, der Rest des Ensembles solide. Die Inszenierung ist gelungen, es gibt einige schöne Bilder und kleinere kreative Ideen der Regie. Die Produktion ist gut und die Konstruktion der Erzählung mit Rückblenden bringt den nötigen Tiefgang. An einigen Stellen wirkt die Geschichte zwar nicht ganz glaubwürdig, arg konstruiert, manchmal etwas klischeebeladen und den einfachen Weg wählend, aber darüber kann ich in einem Thriller gerne hinwegsehen.
Die größten Probleme der Miniserie sind das Erzähltempo und ihre beiden Hauptcharaktere. Die Mitte tritt etwas auf der Stelle und teasert sehr viel an, Gespräche werden immer wieder verschoben, so dass das Mysterium länger bestehen bleibt. Erst am Ende nimmt die Geschichte endlich Fahrt und gönnt sich einige interessante Wendungen. Die Geduld lohnt sich sehr, man sollte dranbleiben für diesen stimmigen Abschluss.
„His & Hers” ist eine ungewöhnliche Thrillerserie mit furiosem Finale, die leider an einigen Makeln leidet. Ich vermute, dass viele das starke Ende nicht mehr erleben werden, weil sie zuvor das Interesse verloren. Ich möchte jedoch empfehlen, die etwa 4 Stunden Laufzeit in Kauf zu nehmen, auch wenn davon 2 Stunden nicht vollends überzeugen können und auch der Rest kleinere Probleme hat. Dennoch sollten die starken Darsteller, die gute Inszenierung und das Mysterium Thrillerfans bis ans Ende tragen, wo sie dann entschädigt werden. Ich war lange Zeit nicht ganz überzeugt von der Serie, aber das Finale konnte mich wirklich mitreißen, sodass am Ende eine solide Prozentwertung und eine leichte Empfehlung stehen.



