The Handmaid’s Tale Staffel 6 – Ein Ende ohne Showdown oder Belohnung. Review

Zu den Staffeln 1-5 habe ich bereits in Kürze ein Review verfasst. Das sollte man sich durchlesen, bevor man direkt mit Staffel 6 beginnt.

Die finale 6. Staffel des Elendsepos führt endlich zur überfälligen Rebellion in Gilead – doch leider viel zu kurz, weil vorher viel Zeit in redundanten Schlangenlinien verbracht wird und man am Ende das Spannende kurz und das Uninteressante viel zu lang zeigt. Zudem enttäuscht die finale Folge wie in kaum einer anderen Serie (noch nicht ganz so schlimm wie „Game of Thrones”), weil sie statt eines Showdowns einfach gedankenversunken mitten in der Geschichte aufhört… doch von vorne. 

Ich hatte mich auf die letzte Staffel durchaus gefreut. Die 4. und 5. Staffel wirkten komplett ziellos, man bemerkte deutlich, dass die Vorlage von Margaret Atwoods Roman bereits mit dem Ende der 2. Staffel endete. Doch während man Staffel 3 noch halbwegs schlau fortführte, regierte danach die gähnende, streckende Leere, die in der 5. Staffel ihren traurigen Höhepunkt fand. Dennoch hatte ich Hoffnungen für eine finale Staffel, weil ich endlich den Kampf gegen Gilead priorisiert sehen wollte, die 6. Staffel hätte alle Möglichkeiten gehabt das Genre etwas zu wechseln und zu einer „Kriegsstaffel” mit Guerilla-Elementen zu werden. Doch das wird sie nicht, beziehungsweise nur extrem kurz. Es gibt keine ausgefeilten Planungen, man schlittert einfach so in die Konfrontation rein und weiß gar nicht, was passiert. Enttäuschend.

Doch im Verlauf gibt es zahlreiche Probleme. Zwar sind die Bilder immer noch schön und teilweise voller Symbolik, aber besonders wenn Elisabeth Moss Regie führt, wirken die Folgen häufig recht inhaltsleer, was mit zahlreichen Zeitlupen, Geigenmusik, Chorälen und natürlich einer June, die intensiv in die Kamera schaut, aufgefangen werden soll. Doch das gelingt nicht. Zudem wiederholen sich die Gespräche der Figuren dauerhaft, sie kommen ständig wieder zusammen und werden durch „äußere Umstände” getrennt, die nicht selten unsinnig erscheinen. Somit werden zahlreiche „letzte Gespräche” der Vergangenheit retrospektiv entwertet. Das wird sogar so schlimm, dass die Serie selbst ihren Metakommentar dazu abgibt, sinngemäß heißt es irgendwann: „Jetzt müssen wir nicht wieder so bedeutungsschwanger tun, als sei das unser letztes Treffen, wie sonst immer: Deswegen bis bald!” Darüber hinaus versucht sie die Serie an ein paar Vergleichen in unsere reale Welt rund um das Triggerthema der Vergewaltigung, die ganz gut gelingen. 

Außerdem sind die Charaktere wieder herrlich sprunghaft. Luke wollte in den vergangenen Staffeln nur endlich gemeinsam mit seiner Familie in Frieden leben, jetzt ist er Kriegstreiber. June wollte Leute umbringen, jetzt will sie kaum etwas mit der Rebellion zu tun haben. Doch dann kommt dieser ständige Undercover-Unsinn. June ist ein bunter Hund, ein Symbol für die Mägde, aber sicherlich doch auch ultrabekannt für Gilead und seinen „Augen”, seinen Geheimdienst. Dennoch kann sie sich frei bewegen, auch über die Grenzen. Zudem ist sie mit ihrer Emotionalität die schlechteste, um diese Jobs durchzuführen, bei denen auch immer etwas schiefgeht und sie von anderen Personen gerettet werden muss – häufig Charaktere, die „zufällig“ vor Ort sind. Nachdem man in den ersten beiden Staffeln das Regime Gilead noch gut greifen konnte, ist die mittlerweile aufgebaute Welt ein Durcheinander: Wo sind die Grenzen? Wie werden sie bewacht? Warum kann sich June frei bewegen? Wer kooperiert mit wem? Wie stark ist denn jetzt die CIA oder die US-Armee und was können sie bewirken? Warum gibt es in Gilead mehr Kinder als im Rest der Welt? Warum sollte eine Musterstadt dafür sorgen, dass die ganze Welt Gilead anerkennt? Warum tauscht Gilead ihr Wissen um die Fortpflanzung nicht mit anderen für eine globale Vormachtstellung, es wird nur etwas von „Wir haben die Luft und das Wasser gereinigt” geredet. Wie? Und kommt darauf kein anderes Land der Welt? Doch warum diese vielen Fragen beantworten, wenn man stattdessen grimmig in die Kamera schauen und repetitive Handlungsstränge vorantreiben kann… 

Ich habe mich schon etwas in Rage geschrieben, aber das liegt daran, dass ich die 1. Staffel großartig finde und auch die 2. noch sehr gut. Man kann sich nur über etwas besonders ärgern, was man mal sehr gemocht hat. Dennoch wäre ich befriedet gewesen, wenn man sich in der 2. Hälfte komplett der Rebellion und dem Krieg gewidmet hätte. Leider wirkt das alles gehetzt und überstürzt, zudem umfasst es lediglich die Folgen 8 und 9. Wenn es spannend wird, gibt es stattdessen einen Zeitsprung von einigen Tagen und June erzählt nur in Zeitlupe, welche spannenden Dinge passiert sind… Gaben die Produktionsmittel nicht mehr her? Warum zeigt man nicht den Zerfall einer Diktatur von innen und außen? Alle hätten sich verdient, am Ende Gilead komplett brennen zu sehen, aber damit hätte man wohl das Spin-off, welches 15 Jahre nach den Ereignissen der Hauptserie spielen soll, sabotiert. Deshalb ist das Ende äußerst halbgar. Auch weil June ihr Ziel, weswegen sie am Ende von Staffel 2 blieb, nicht erreicht. Bitter ist, dass die Story dann aufhört, wenn es interessant wird. Mit einer schwülstigen Rückblickfolge, die mitten in der Staffel schon mies gewesen wäre, aber als Ende einer Serie einem Schlag ins Gesicht gleicht.

Ich bleibe bei meiner vorherigen Einschätzung: Man hätte auch echt gut nach Staffel 2 einen Schlussstrich ziehen können, mindestens 4,5 & 6 ziehen das Gesamtrating weiter hinunter. Staffel 1 allein wäre bei einer 87% gelandet, mit Staffel 2 zusammen wäre die Top 100 immer noch erreicht worden. So wurde die Bewertung immer schlechter.

73/100
Total Score
Nach oben scrollen