Fernab von Shōnen-Anime wildert in dieser Animeserie „Shōnen Bat” und verletzt scheinbar willkürlich Menschen mit seinem Baseballschläger. Die Serie richtet sich nicht an Jugendliche, sondern ist ein erwachsener Anime. Der japanische Meisterregisseur Satoshi Kon (Perfect Blue, Paprika) wandelt erneut zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wahn und Wirklichkeit und verbindet dies mit psychischen Problemen sowie einem großen Haufen von Gesellschaftskritik. Kurzum: Keine leichte Kost, sondern eine Psychothriller-Miniserie zum Mit- und Nachdenken, die visuell ganz fantastisch ist.
Die Designerin Tsukiko Sagi konnte vor Jahren einen Überraschungshit mit ihrer Hund-ähnlichen gezeichneten Figur namens Maromi landen, die eine Ikone wurde und zu der viel Merchandise gekauft wird (quasi wie Pikachu). Nun wird sie von ihrem Arbeitgeber unter Druck gesetzt endlich eine Nachfolgefigur zu erschaffen, die bestenfalls noch erfolgreicher ist. Die junge Frau befindet sich allerdings in einem kreativen Loch. Doch damit nicht genug: Eines Abends wird sie verfolgt und ein Jugendlicher mit goldenen Rollerblades und einem ebenso goldenen Baseballschläger (Shōnen Bat) schlägt ihr auf den Kopf, sie muss ins Krankenhaus. Dort wird sie von Polizisten befragt, einer glaubt ihr allerdings nicht. In den folgenden Episoden wechselt die Erzählperspektive immer zu einer anderen Figur: Mal ein Boulevardjournalist, mal ein Junge, der verdächtigt wird der Täter zu sein, mal eine Frau mit gespaltener Persönlichkeit. Doch alle haben eines gemeinsam: Am Ende werden sie von Shōnen Bat attackiert. Die Polizei geht von einem Serientäter aus. Doch steckt vielleicht noch mehr dahinter?
Spätestens ab Folge 5 der 13-teiligen Animeserie mit einer Laufzeit von 25 Minuten pro Episode dreht die Handlung sehr ab, da der Hauptverdächtige die Realität mit einem Videospiel verwechselt, was auch visuell dargestellt wird. Auch danach gönnt sich die Geschichte einige Abzweigungen, sowohl das Genre als auch teilweise der ganze Zeichenstil werden gewechselt. Es ist ein Erlebnis. In der Mitte gibt es einige Folgen, die sich recht weit von der Haupthandlung entfernen und stattdessen als Gesellschaftskritik des Regisseurs angesehen werden können. In einer Folge tratschen einige Personen sensationsgeil miteinander und tauschen die schlimmsten Schauergeschichten aus, eine andere Episode kümmert sich (auf der Metaebene) um das Innenleben der Produktion eines Anime – die Unfähigkeit und der Druck stehen im Vordergrund, die hervorragende, sehr absurde 8. Folge beschäftigt sich mit drei Leuten, die sich online zum gemeinsamen Selbstmord verabreden… Das ist verrückt, das lässt die Haupthandlung komplett auf der Stelle treten, aber es gelingen einige sehr schöne Beobachtungen. Erst am Ende findet die Haupthandlung zurück und entschlüsselt relativ viel von dem Gesehenen, große Fragen bleiben kaum zurück. Ich würde empfehlen auch die „After Credits”-Szene der letzten Folge anzusehen, um einen guten Durchblick zu bekommen.
Insgesamt ist „Paranoia Agent” eine wunderbar kreative Animeserie, der Regisseur scheint absolut freie Hand gehabt zu haben und konnte genau seine Themen erzählen, wie er wollte. Dass dabei der rote Faden etwas auf der Strecke bleibt: Geschenkt. Denn sowohl inhaltlich als auch visuell weiß die Serie zu überzeugen. Die psychologischen Themen, die Gesellschaftskritik, die verschiedenen Zeichenstile, der Kampf, die Auflösung, die Zeit danach: Das ist alles sehr gut und pointiert umgesetzt. Die Serie regt inhaltlich zum Nachdenken an und unterhält visuell. Eine gute Kombination. Dennoch ist nicht alles Gold, was wie ein Baseballschläger glänzt. Die ersten Folgen wirken etwas repetitiv, die Mitte scheint gestreckt durch ihre Abkehr von der Haupthandlung, einige Episoden und Ideen fühlen sich „zu weit draußen” an. Doch wenn man am Ball bleibt und sich in diese Welt hineinziehen lässt, dann wird man belohnt und bemerkt die Makel kaum.
„Paranoia Agent” ist eine Miniserie wie keine andere und hebt sich deutlich vom Einheitsbrei ab. Allein das macht sie sehenswert, zudem ist sie sowohl thematisch als auch visuell überzeugend – wenn auch etwas sperrig. Das Interesse und auch die Fähigkeit schwierige Themen so zu präsentieren, rechne ich Satoshi Kon hoch an. Wer ohnehin Fan der Werke des kreativen Regisseurs ist, kann bedenkenlos zusehen, ansonsten würde ich für den Einstieg in sein Schaffen eher „Perfect Blue” empfehlen. Aber danach kann man zu „Paranoia Agent” irgendwann zurückkehren. Es lohnt sich.



